Section: Reviews 41489Autor: Diggi
Datum: 05.10.2018
Bereich: Reviews

ITM hat es sich mit der neuen Scheibe der Polen nicht leicht gemacht....

I Loved You At Your Darkest

BEHEMOTH

Behemoth vorzustellen dürfte wohl nicht weiter notwendig sein. Selbst Nicht-Black/Death-Metal-Fans sollten den Namen dieser nun auch schon seit weit über 25 Jahren aktiven Polen schon mal gehört oder gesehen haben, und sei es nur als Begleitband zur einen oder anderen Slayer-Tour. Alldieweil kommt dieser Tage auch das Buch von und über Nergal (Beichten eines Ketzers) raus, aber darum soll es an anderer Stelle gehen. Vielleicht nur so viel als Überleitung zur Musik: In besagtem Buch weist Nergal mehrfach auf sein Interesse an okkulten Themen hin. Nicht zufällig dienen das Intro (Solve) und Outro (Coagula) als alchemistisch angehauchter Rahmen für das Hauptwerk. Und ebenfalls nicht zufällig werden wohl beide Stücke mit einer Gesamtzeit von jeweils 124 Sekunden bedacht worden sein; einer in der Bibel nicht ganz unwichtigen Zahl, die auf die Anfänge der Menschheit zurückweist (die diesbezügliche Recherche überlasse ich dem findigen, an gematrischen Fragestellungen interessierten Leser). Wie überhaupt wieder viel Bezug auf die Bibel genommen wird, was nicht nur im auf Römer 5,8 verweisenden Albumtitel zum Ausdruck kommt. Aber wir sind ja hier nicht in der Bibelstunde; kümmern wir uns also um die Musik.

Besagtes Intro (Solve) beginnt mit einem Kinderchor, der offensichtlich nicht vergeben kann. Ich musste unweigerlich an Pink Floyd denken, die ja auf The Wall auch mit diesem Stilelement arbeiteten. Im weiteren Verlauf des Albums stellt sich heraus, dass Behemoth auch musikalisch die eine oder andere Referenz eingearbeitet haben, die man so nicht vermutet hätte. Auf Wolves Ov Siberia regiert aber erst mal der typische Behemoth-Sound der letzten Jahre: treibendes Drumming und geile Riffs, garniert von einem keyboardunterstützten Part in der Mitte, der kurz mal Tempo rausnimmt und der Atmosphäre sehr dienlich ist. Sehr guter Einstieg, und die Linie wird auf God = Dog fortgesetzt (auch wenn ich den Titel höchstens grenzwertig intelligent finde). Teils hyperschnelles Drumming begleitet von Wahnsinnsmelodien und dezentem, dafür aber umso atmosphärischerem Keyboardspiel; der Kinderchor aus dem Intro findet hier ebenfalls noch mal Verwendung. Ecclesia Diabolica Catholica ersetzt dann den Kinderchor durch erwachsene Choräle und ist von der Geschwindigkeit her größtenteils eher im Midtempo-Bereich anzusiedeln. Großartig wird dieser Song durch das Akustikgitarren-Intermezzo zum Ende hin, welches in der Folge flankiert wird von rasend schnellem Drumming und synthetisch-disharmonischen (ich glaube) Bläsern. Spätestens auf Bartzabel halten dann mit dem teilweise einsetzenden Klargesang und eher nach Rock klingenden Rhythmen und Melodien auch jene Elemente erstmals deutlich wahrnehmbar Einzug, auf die Nergal schon im Vorfeld der Veröffentlichung hinwies. Gewöhnungsbedürftig, aber spannend. Auch auf If crucifixtion was not enough ist das Tempo verhältnismäßig gedrosselt, und auch hier streut die Leadgitarre immer wieder mal kleine, eher nach Heavy Metal klingende Melodien ein, die von einem Solo gekrönt werden, das ich so eher nicht im Black oder Death Metal vermuten würde. Was auf jeden Fall auffällt: Nergal hat sich stimmlich diesmal weiter nach vorne gewagt. Das fällt nicht nur auf Angelvs XIII auf, wo er auch mal heiserere Schreie oder beschwörenden Klargesang unterbringt. So gar nicht ins bisherige Behemoth-Schema passen dann einige Parts von Sabbath Mater. Die schon auf den drei vorherigen Songs eingeschlagenen Pfade des Nicht-Black/Death-Bereichs werden hier konsequent zu Ende geführt und dienen sicherlich als Blaupause dafür, in welche Richtung sich Behemoth in Zukunft entwickeln könnten. Ab Havohej Pantocrator, dem mit über sechs Minuten längsten Stück der Scheibe, geht es dann wieder auf gewohnteres Terrain. Die melancholische Leitmelodie in der ersten Hälfte und am Ende des Lieds, teils flankiert von einer Akustikgitarre, ist schon echt schön, und das Feeling des Stücks ist für mich so ein bisschen eine Mischung aus Grom (dem Album) und dem Song Lucifer auf der Evangelion. Rom 5 8 besticht in der zweiten Hälfte mit einer grandiosen Melodieführung, wie Mgla sie auf der Exercises… in unübertroffener Reichhaltigkeit rausgehauen haben. We are the next 1000 years beginnt angriffslustig, geht dann in einen melancholischen Teil über, der zum Ende hin von einem sphärischen Keyboard abgelöst wird. Das Outro (Coagula) ist für ein Outro mitunter ungewöhnlich harsch, rundet das vorher Gehörte aber eindrucksvoll-dramatisch ab und lässt einen mit einem Seufzer der Traurigkeit und dem Gefühl zurück, dass die Aufführung leider schon nach 46:32 Minuten wieder beendet ist.

Ein Fazit zu ziehen fällt mir nicht ganz leicht. Ich höre (und schätze) Behemoth trotz des einen oder anderen Richtungswechsel, trotz des mittlerweile durchaus exaltierten Auftretens Nergals und trotz der für mich immer etwas bemüht wirkenden satanischen Attitüde schon seit 1994, als ich von ihnen zum ersten Mal im Rahmen der From the pagan vastlands Veröffentlichung Notiz nahm. Man kann mich also durchaus als voreingenommen zu Gunsten der Band bezeichnen. Wie immer bekommt man (produktions)technisch nur Hochwertiges ans bzw. ins Ohr, gleichwohl hinterlassen die neuen, eher rockig-angehauchten Stilmittel bei mir den Eindruck, noch nicht zu 100% in DEN Behemoth-Sound eingefügt zu sein, weshalb ich bei I love you at your darkest vielleicht von einer Art Übergangsalbum sprechen würde, das möglicherweise ein neues Kapitel in der an teils dramatischen Kapiteln sicherlich nicht armen Bandhistorie aufschlägt. Ob ich diese Richtung gut finde, vermag ich noch nicht zu sagen, aber dass Behemoth mit I love you at your darkest auf Nummer sicher gehen, kann man nun wahrlich nicht behaupten. Die „üblichen“ Trademarks werden gewohnt hochwertig in Szene gesetzt, das Album hat einige atmosphärische Elemente zu bieten (In- und Outro, Ecclesia…), die live sicherlich wieder vorzüglich funktionieren werden, und auch die aggressiveren Stücke (hier insbesondere Wolves…) knallen gut rein, weshalb ich mich zum ersten Mal in meiner Reviewtätigkeit zu neun von zehn Punkten hinreißen lasse.

VÖ: 05.10.2018

Label: Nuclear Blast

Fazit: 9 / 10



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