Section: Interviews 37015Autor: Diggi
Datum: 17.08.2017
Bereich: Interviews

Gitarrist Katte mit interessanten Einblicken rund um das sensationelle neue Album...

Sanctimonious

ATTIC

1) Schon lange nicht mehr hat sich das Warten auf ein zweites Album einer mit dem Debüt hochgelobten Band so gelohnt wie im Falle von „Sanctimonious“. Bemüht doch bitte mal den Zeitraffer abseits des allgemeinen Info Geschwafels. Wann hat Euch die Muse ganz besonders fest in den Arm genommen, welche Abschnitte während des Schreibens oder der Produktion waren eher gebrauchte Episoden im Bandleben?


- Erst einmal vielen Dank für das Lob! Der Schreibprozess des Albums hat sich wirklich über einen langen Zeitraum erstreckt, welcher voller Ereignisse lag. Nach dem Release von „The Invocation“ waren wir eine ganze Weile mit Touren, Festivals und Einzelkonzerten beschäftigt, weshalb wir es kaum schafften, uns zwischen den Gigvorbereitungen ans aktive Songwriting zu setzen. 2013 gab es dann einen nötigen und sehr fruchtbaren Drummerwechsel, der das Songwriting ebenfalls ausbremste. Der Großteil von „Sanctimonious“ dürfte erst 2015/2016 entstanden sein. Aufgenommen haben wir das Album in zwei Monaten des vergangenen Winters und der Prozess war für uns noch intensiver als beim Debut. Wir wussten genauer was wir wollten und brachten uns bei der Produktion mehr ein als zuvor, zudem half uns bei den Aufnahmen der Gitarren Laurent Teubl von Chapel of Disease, welcher unsere Arbeit daran wunderbar betreute. Es gibt im Bandleben natürlich immer anstrengende Abschnitte, wir studieren und arbeiten neben der Band ja auch und wenn man jedes Wochenende auf einem Festival unterwegs ist, Konzerte während der Prüfungsphasen spielt oder wochenlang nur zwischen Bett und Studio pendelt, zermürbt einen das psychisch und physisch manchmal ganz schön, aber wir würden es nicht tun, wenn es nicht unsere Leidenschaft wäre und die Freude an dem was wir tun nicht stets überwiegen würde. Wir machen also motiviert weiter und haben bereits Ansätze zum dritten Album im Kopf.

2) Das Titelstück ist der Ritt auf der Rasierklinge und ich könnte mir den Song an einer anderen Stelle des Albums gar nicht vorstellen. Perfekte Wahl. Hier legt Ihr auch etwas offensichtlicher diverse Vorlieben für Black Metal offen. Wie passiert das bei Euch im ATTIC Kontext ganz global gesehen? Der Duktus der Band bietet viele Überschneidungen zu Black Metal affinen Themen, sowohl musikalisch als auch konzeptionell…


- Wir machen aus unserer Vorliebe für Black Metal kein Geheimnis, wir spielen auch gern auf Black Metal Festivals oder mit Black Metal Bands zusammen, das passt von der Atmosphäre her meist weitaus besser, als mit Heavy Metal Bands, deren Show eher auf Party ausgelegt ist. Beim Debut haben wir uns diesbezüglich wahrscheinlich noch etwas zurückgehalten und seinerzeit habe ich meine Black Metal Ideen noch eher bei Erazor als bei Attic eingebracht, aber wir hatten bei dem Album keine Lust auf Kompromisse und ich bin der Ansicht, dass sich die Riffs sehr gut ergänzen. Unser Drummer kommt auch eher aus dem Black Metal Bereich und spielt auch bei Bands wie Paria und Hallig, hat live aber auch schon bei Nargaroth und anderen ausgeholfen, zudem besteht unser persönlicher Umkreis auch eher aus Black- als Heavy Metal Bands, die Verwendung solcher Parts war für uns also ein recht natürlicher Schritt. Es geht uns bei der Musik ja auch sehr stark um Atmosphäre und da bieten sich Black- oder Doom Metal Riffs teilweise mehr an, als so manch rockiges Riff. Darüber hinaus sind wir natürlich nach wie vor große US- und NWoBHM Hörer und lassen uns stark davon beeinflussen, aber wir beschränken uns eben nicht vollkommen darauf.  

3) Wann war klar, das „Sanctimonious“ ein Konzept Werk werden sollte ?Gab es bestimmte Dinge oder Geschehnisse, die dafür den Ausschlag gaben?


- Einen bestimmten Ausschlag gab es nicht, es war eher ein Gedanke, der langsam herangereift ist. Zu Beginn waren wir noch unsicher, ob sich das Konzept nur über drei Songs oder eine LP Seite erstrecken soll, aber mit dem Beginn der Umsetzung wurde schnell klar, dass es länger und komplexer werden muss. Es ist uns schon immer wichtig gewesen, dem Hörer eine kleine Geschichte zu erzählen, in die er wie in eine gute Erzählung oder einen Film abtauchen kann und bei einem ganzen Konzeptalbum hat man natürlich mehr Möglichkeiten, dies zu Entfaltung zu bringen, als bei einem kurzen Song, der aus nur drei Strophenblöcken besteht.  

4) In Sachen Musikalität übertrefft Ihr das wunderbare Debüt um Längen, es scheint als das „Sanctimonious“ viel mehr Tiefe hat. Bestimmte Parts bei z.B. ‚A Serpent In The Pulpit‘ oder bei ‚On Choir Stalls‘ oder ‚Die Engelmacherin‘ stehen im Wortsinn für Evolution. Eure Meinung und wie würdet ihr diese von mir erwähnte Tiefe konkretisieren?


- Es ist immer sehr schwer sein eigenes Werk objektiv zu beurteilen, aber ich selbst liebe das Album und bin sehr stolz auf das Resultat. Allein aufgrund des Konzepts enthält das Album für mich mehr Tiefe als „The Invocation“, da einen die Figuren enger begleiten und sich die Story voll entwickeln kann, während alles auf dem Album ineinander verwoben ist. Der Schreibprozess war auch ein völlig anderer, da wir die Songs stark dem jeweiligen geschichtlichen Inhalt angepasst haben und meist an vielen Songs zur gleichen Zeit gearbeitet haben. Darüber hinaus ist es musikalisch zumindest für mich auch ein ganzes Stück persönlicher als das Debut und spiegelt mich zum Zeitpunkt des Songwritings zumindest gefühlt mehr wieder, als dies bei allem davor der Fall war. Die Frage ist wirklich schwer zu beantworten und ich denke jeder Attic Musiker und jeder Hörer würde dir darauf eine andere Antwort geben, sofern er deiner Aussage überhaupt zustimmen würde, aber ich denke wir haben uns seit „The Invocation“ musikalisch und menschlich entwickelt und eine Menge dazu gelernt, was sich bestimmt auch im Album wiederspiegelt.

5)  Meister Cagliostro schafft es nun endgültig sich aus dem hilflosen King Diamond Schatten, den einige Journalisten kreierten, hinter sich zu lassen. Wieviel verschiedene Stimmfärbungen und Charaktäre findet man in Summe auf dem Album?


- Dies zu zählen bleibt Aufgabe des Hörers. Genau haben wir das wahrscheinlich noch nie gezählt, aber die Songs und das Album boten eine perfekte Grundlage um sich musikalisch vollkommen auszutoben und möglichst viel Dynamik in den Gesang und dessen Melodien zu stecken. Wir haben oft abgewogen, an welchen Stellen der Gesang die Musik gut unterstützen kann oder an welchen Stellen sich der ein oder andere etwas zurücknehmen muss, um die möglichst beste Gesamtwirkung zu erzielen und obendrein haben wir mit neuen Ideen herumgespielt, wie z.B. die besungenen und besprochenen Intros oder den Hintergrundchor im Chorus vom Titelsong.  

6) An manchen Stellen des Albums wirkt die Gitarrenarbeit noch mehr dem Ancient Metal zugetan als wie bereits in der Vergangenheit. Was muss ein Riff bei ATTIC mitbringen, um verwendet zu werden?


- Es muss im Ohr bleiben und sollte zum Song passen. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, da wir oft tolle Riffs im Kopf haben, die sich aber irgendwie nicht gut einbinden lassen. Wir hatten beispielsweise eine ganze Menge Strophenriffs für den Song „Sanctimonious“, die alle gut waren, aber verworfen wurden, weil sie nicht genug gekickt haben um beim Opener verwendet zu werden oder schlecht besingbar waren. Ein gutes Riff muss also zum Song passen, im Falle des Konzepts musste er zur entsprechenden Storystelle und der Stimmung passen, er muss an Gesangsstellen gut besingbar sein, sollte aber trotzdem gut im Ohr liegen. Manche Riffs werden vorgeschlagen und landen unverändert in einem Song, für andere Stellen werden duzend Riffs geschrieben, bis die finale Version steht. Es ist nicht immer einfach, schwer rational zu erklären, oft versteht man es selbst nicht, aber meist weiß man, wann es das richtige Riff ist.

7) Ende August steht ein VÖ Gig im turock zu Essen an. Übrigens mit einem Mörder-Billing. Endlich mal ein wertiges Paket, das auch so perfekt zusammenpasst. Ist sowas nur möglich wenn man so viel wie möglich autark erledigt? Mich erinnert die Zusammenstellung an ein unvergessliches Konzert, bestehend aus RAM, In Solitude und Helvetets Port in Oberhausen. Unsinnige Bandzusammenstellungen nerven ja nun schon seit einigen Jahren Fans…. Bitte gebt hier mal eure Sicht der Dinge preis…


- Über den Veröffentlichungsgig hatten wir uns schon vor einer ganzen Weile Gedanken gemacht und es gibt so viele Bands mit denen man gut befreundet ist, dass unsere Überlegungen, wen wir ins Billing nehmen sollen, wahrscheinlich mehrere Festivals hätte füllen können. Für Chapel of Disease haben wir uns entschieden, da wir die Leute dahinter bereits kannten, bevor es CoD und Attic gab und wie bereits erwähnt, hat der Sänger und Gitarrist uns bei den Aufnahmen so gut unterstützt, dass das Album in unseren Köpfen auch eng mit seiner Person und Band verküpft ist und wir den Release einfach zusammen mit ihm zelebrieren wollen. Die Jungs von Vulture kennen wir auch schon seit Jahren und da ihr Album am Tag vor der Show erscheint und wirklich stark geworden ist, bot es sich einfach an, den Abend auch zu einer Releaseshow von „The Guillotine“ zu erweitern. Es wäre traurig, wenn so etwas nur in Eigenregie möglich wäre, aber in dem Fall wollten wir ein Billing und eine Location unserer Wahl, um dem Release einen für uns angemessenen Rahmen zu geben. Es war ja auch für uns ein langer Prozess und das wollen wir entsprechend feiern.
Allgemein liegt uns natürlich immer viel daran in einem Billing zu spielen, dass auch unserem Geschmack entspricht, leider kann man dies im Vorfeld schlecht festlegen bzw. in Erfahrung bringen. Wird man z.B. als erste Band für ein Konzert gebucht, wissen die Veranstalter oft selbst noch nicht, wer noch dabei sein wird und mit etwas Glück wird es ein tolles Package und im worst case etwas, das überhaupt nicht zusammen passt. Wir bewegen uns glaube ich in einer Größe und Szene, wo die Abende mit guten Bandzusammenstellungen überwiegen, aber leider ist auch oft genug das Gegenteil der Fall.

8)Aus dem Wust der ganzen Düsterfredi Artworks sticht „Sanctimonious“ wirklich sehr stilvoll heraus. Ein Cover das eher von hellen, ja fast schon grellen Farbtönen dominiert wird, ist ein verdammt wirkungsvoller Schachzug. Führt die Farbgebung  das Thema des Albums doch fast schon zynisch ad absurdum… Bitte geht ein wenig intensiver auf die Entstehung und auch Eure Gedanken zum Cover ein!


- Das schätzt du schon ganz richtig ein. Tatsächlich war es uns sehr wichtig den Gegensatz zwischen höchsten klerikalen Idealen und tiefem menschlichen Abgrund auch visuell möglichst adäquat darzustellen. In gewisser Weise untermalt das Cover mit seiner eher friedlicheren Szenerie, bei der trotzdem irgendetwas faul zu sein scheint, den Titel des Albums, ohne dem Betrachter direkt mit der Brechstange zu erklären was genau in dieser Abtei grauenhaftes vor sich geht. Es ist ein wichtiger und erzählerisch kraftvoller Bestandteil der Scheinheiligkeit, dass sie eben erst auf den zweiten Blick sichtbar wird und ihr diabolisches Antlitz zeigt. Genau wie bei “The Invocation“ war auch dieses mal Markus Vesper für das Cover-artwork verantwortlich, mit dem wir wirklich extrem produktiv arbeiten können. Er musste zwar wieder seitenlange Detailerklärungen über sich ergehen lassen, ist aber einfach großartig, wenn es um die Umsetzung von sehr konkreten Vorstellungen geht. Tatsächlich ist nichts auf dem Cover dem Zufall überlassen und die Positionen jedes Gebäudes, Grabes und jeder Person wurde genau mit ihm abgesprochen. Das war deshalb nötig, da natürlich alles mit dem Klosterplan, den Cagliostro für die Story entworfen hat, kongruent sein musste. Die bildliche Ausarbeitung dieses Plans und auch aller Song-artworks im Booklet wurde übrigens von Misanthropic-art übernommen, der auch einen wirklich herausragenden Job geleistet hat.

9) Wo habt Ihr eigentlich das wunderbare Video zu ‚The Hound Of Heaven‘ gedreht und wie ging das genau von statten? Wer hatte da den Hut auf, visuell, künstlerisch etc….?


- Für das Video hatten wir zwei Eventkirchen gemietet, haben in zwei Wäldern und einer Kapelle gedreht, während kurze Aufnahmen zuhause und auf einem Dachboden gedreht wurden. Für das Video ist unser Gitarrist Rob verantwortlich, der auch an einer Filmhochschule studiert und sich entsprechend um Planung und Umsetzung gekümmert hat. Er hat ein entsprechendes Team und Equipment zusammengestellt, hat sich um die Regie gekümmert, den Schnitt betreut und dabei einfach ein unglaubliches Video zustande gebracht. Was den Inhalt angeht, hat er eng mit Meister Cagliostro zusammen gearbeitet, der auch für die Lyrics verantwortlich war und daher bereits bestimmte Vorstellungen davon hatte, wie die einzelnen Storyelemente auszusehen haben. Der Dreh war für uns eine ganz neue und spannende Erfahrung und es repräsentiert genau das, was wir bei dem Konzept an Bildern und Atmosphäre im Kopf hatten und hoffen, dass dies auch beim Zuschauer bzw. Hörer wirkt.



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