Section: Interviews 35768Autor: Diggi
Datum: 05.04.2017
Bereich: Interviews

Frische Mucke braucht das Land!

Koma

NULL POSITIV

1) Bemühen wir mal zu Beginn die Standards. Für sehr viele kommt Ihr quasi ohne Vorwarnung aus dem Nichts. Seit wann schraubt Ihr an dem Kunstwerk Null Positiv?

Elli Berlin: Vor rund 2 Jahren bin ich mit meinem damaligen Gitarristen und dem Wunsch diese Band ins Leben zu rufen an unseren heutigen Produzenten und praktisch Bandmitglied Oliver Pinelli getreten. Ich singe schon seid ich denken kann und am liebsten auch laut und kompromisslos aber MEINE MUSIK habe ich erst jetzt verwirklichen können. Schnell kam es dann zum kreativen Part. Oliver und ich schrieben an den Songs und es fühlte sich einfach nur richtig an. Wir haben echt einen super Flow zusammen! In unserer Band haben wir echt nur Freunde die musikalisch aber auch geistig bei uns sind! Unser Anspruch geht nämlich etwas über den „Ich mach hier mal geile Musik und lass mich feiern“ Status hinaus. Wir wollen damit auch etwas Aussagen und Verantwortung übernehmen. Als Künstler haben wir die Möglichkeit Dinge zu verändern und das wollen wir auch im positiven Sinne. Und die Krieger dazu habe ich in meinen Jungs gefunden :-)

2) Nicht nur die Musik, auch die visuelle Umsetzung und DIY Attitüde lässt vermuten, dass wir es hier nicht mit Neueinsteigern in der Musikszene zu tun haben, oder? Wer von Euch hat den Wo bisher Erfahrungen gesammelt, oder kommt aus welcher musikalischen Ecke?

Elli Berlin: Wir sind alle schon länger im Geschäft! Meine erste Band hatte ich damals mit Kumpels, da waren wir 16. Ich erinnere mich, bei unserem ersten Auftritt haben wir es danach so krachen lassen das wir die, glaube ich 50 € Gage, sofort auf den Kopf gehauen haben, leider mussten wir hinterher noch 100 € draufzahlen :-) Okay ich geb es zu, reich wird man so nicht! Wir trennten uns später, wie das so ist. Beruflich wollten wir alle etwas anderes. Ich sang in einigen Coverbands. Selbst ein Musical hab ich zeitweilig begleitet aber das war nicht das wo ich hin wollte. Ich nenne es immer meine Lehre. In der Zeit hab ich viel lernen können und auch gutes Geld verdient wovon wir dann die Grundsäulen für Null Positiv bezahlten.

3) Die Band kann man eigentlich ohne große Schwierigkeiten als Gesamtkunstwerk wahrnehmen. Würdet Ihr dem zustimmen, oder war solch eine Einschätzung bzgl. der Band von Euch überhaupt nicht gewünscht? Denn: Bei Euch greift vieles ineinander: Die Texte, die Musik, der visuelle Aspekt.

Oliver: Ich denke, alle Bands und alle „Kunstformen“ soweit wir uns so nennen können, sind irgendwie „Gesamtkunstwerke“ Es geht ja immer um die Menschen dahinter, um Ihre Gefühle und Gedanken. Das was uns wirklich beschäftigt und wofür wir uns interessieren, sie die Verbindungen, die wir miteinander haben und eingehen. So drückt sich quasi unser ganzes Gefühlsleben in der Musik aus. Der Unterschied ist natürlich, dass wir in der Musik keinerlei Grenzen haben und in gewisser Weise in ein „Alter Ego“ schlüpfen können, das uns ermöglicht etwas aus unserer eigenen begrenzten Sicht heraus zu treten. Logisch, das wir diese Ideen nicht nur in Tönen sondern auch in Kleidung, Videos, Postings und vor allem auf der Bühne verkörpern möchten.

4) Ich empfinde vergleiche mit In This Moment im Speziellen als ziemlich unangebracht, agiert diese Band doch eher auf einer „Bubblegum-Entertainment“ Ebene. NULL POSITIV sind da eher der ernstere, dunkle Bruder.. Soll heißen: Fast alle Eurer Texte in Verbindung mit der Musik evoziert eine grundsätzlich angepisste und unzufriedene Grundhaltung gegenüber dem Zeitgeist, der Gesellschaft und der Weltpolitik. Bitte mal Eure Gedanken dazu…

Elli Berlin: Das es momentan beschissen aussieht muss man ja keinem mehr erklären denkt man, doch das ich nicht der Fall. Viele liegen noch im Koma und sind leider Gottes auch zu bequem und  uninteressiert sich damit zu beschäftigen. Das wollen wir anprangern und wachrütteln. Nur weil man nichts tut heißt das nicht das man unschuldig ist. Wir müssen uns alle wieder in die Verantwortung ziehen und unserer Stimme Gewicht geben. Glaubt an euch, jeder ist wichtig also bildet euch eine Meinung und übernehmt verdammt noch mal Verantwortung dafür!

Oliver: Wir sehen unsere Aufgabe als Menschen dieser Gesellschaft darin, Verantwortung zu übernehmen. Allzu lange haben wir in einer Art Tiefschlaf (KOMA !) verbracht und uns nicht um Politik gekümmert. Angeblich stammt von Goethe dieses Zitat: „Wer in einer Demokratie schläft, wacht in einer Diktatur auf“. Ich habe mich lange mit den Werten unsere Gesellschaft beschäftigt. Es hat Jahrhunderte gebraucht, unsere humanistische und vor allem säkulare Gesellschaftsordnung herzustellen. Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel… Das alles sind großartige Werte, die uns aber nicht in den Schoß gelegt sind. Wer glaubt, diese Errungenschaften seien selbstverständlich, der irrt sich gewaltig. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, das Freiheit auch wieder verloren geht.

5) Mit dem sehr aufwendigen visuellen Aspekt der Band verströmt Ihr eine Endzeit Stimmung, sozusagen das was Peter Steele mit Carnivore zwischen 1985-86 getan hat, von den Mad Max Filmen aufgegriffen wurde, oder auch schon früher durch Filme wie Soilent Green mit Charlten Heston. Man könnte diese Seite der Band als weitere Maßnahme ansehen, die Intention der Lyriks optisch noch zu verstärken….?

Elli Berlin: Ja, natürlich. Es ist so eine Art Spiel. Wir verändern uns die ganze Zeit und haben auch bereits neue Wege eingeschlagen, aber als Ausgangspunkt haben wir quasi die Postapokalypse gewählt. So haben wir die Möglichkeit, alles was aktuell auf der Welt geschieht aus einer völlig überzeichneten und fiktiven Perspektive zu betrachten. Dieser Abstand lässt uns manchmal klarer sehen. Darüber hinaus ist es natürlich auch die Freude an Kostümen und Verkleidung, es ist halt auch ein Theater. Musiker haben das schon immer geliebt und man darf das alles nicht ausschließlich als todernstes Dogma sehen. Wir spielen einfach mit den Möglichkeiten uns auszudrücken. Das sind letztlich alles Symbole, die die Menschen oft sehr direkt verstehen. Eine tolle Sprache.

6) Habt Ihr eigentlich noch mehr Vergleiche bzgl. des Gesangs in Richtung Tamara Danz gehört? Hier geht es eher um das kämpferische, den Charakter, der in Elli´s Stimme zu finden ist, eher weniger um direkte musikalische Vergleiche..

Elli Berlin: Ja der Vergleich ist mir nicht neu! Das letzte mal nannte Oliver Pinelli ihn als wir uns kennenlernten. Er meinte ich hätte diesen Ostrock-Drama-Klang in meiner Stimme aller Tamara Danz. Ich sehe das als ein sehr schönes Kompliment. Starke Frauen braucht das Land, schade das sie nicht mehr unter uns weilt.

7 ) Wie kam es eigentlich zu der „Zensur“ Geschichte auf Amazon?

Oliver: Ich habe mich erst sehr darüber aufgeregt. Dann habe ich etwas nachgeforscht und folgendes erfahren. Diese „Zensur“ oder vielmehr Einstufung bezieht sich auf den Jugendschutz. Der Song „Unvergessen“ ist ja tatsächlich sehr aggressiv in der ganzen Art und Weise der Darbietung. Uns fällt das quasi nicht mehr auf, da wir ständig von diesen Sounds umgeben sind. Ich fing allerdings an umzudenken, als meine Kinder anfingen die Songs auf der Fahrt zum Kindergarten aus vollem Hals mitzusingen…Autsch!!! Sie finden es zwar klasse, aber die Inhalte sind nichts für die Kleinen. Ich denke nicht, das der Grund für den Index das Vorkommen eines Wortes wie „einscheißen“ gewesen sein kann, das wäre ja lächerlich. Aber ich kann akzeptieren, dass diese Musik vielleicht nichts für Kids ist.

8) Ihr bemüht starke Ankerbegriffe in Euren Titeln und Texten, wie z.b. „Müll, Virus, Hoffnung, Hundstage, Gift, Monster….“ Wer ein bisschen Füllmaterial im Schädel hat, wird den schmalen Grad, den Ihr meisterlich beherrscht bemerken, wie Ihr klare Kante gegenüber gesellschaftlichen Themen lyrisch verpackt. Wer schreibt bei Euch die Texte und was sind die Impulsgeber dafür? Ist es NOCH Wut oder SCHON Resignation?

Elli Berlin: Die Texte und Ideen unserer Lieder stammen aus der Auseinandersetzung zwischen Oliver und mir. Gemeinsam schreiben wir die Songs. Ich würde das auf keine Fall resignativ empfinden. Manchmal muss man halt "laut brüllen“, um gehört zu werden. Wir verstehen die Inhalte aber unbedingt als grundpositiv und nicht als den Versuch zum Suizid aufzufordern. Wir wollen unser Schicksal selber in die Hände nehmen. Dazu wollen wir die Menschen auffordern.

9) Ihr seid Titelstory im Orkus, verortet Euch selbst als „German Metal“… Trotzdem werden auch Orkus oder Ex Zillo Leser Euere Album goutieren, war Euch das schnell bewusst, das Ihr mit NULL POSITIV zwischen den Szenen changieren könnt (und auch wollt)?

Oliver: Wir sehen uns alle irgendwie als „Freigeister“ uns halten uns nicht so sehr für Genre – Nerds. Klar die Ausrichtung ist schon irgendwie „Metal, Metalcore, laut, verzerrte Gitarre. Bum-bum-bbumm !!! Jedenfalls eher laut als als sanft und sicher!

Aber eine Szene , das empfinden wir immer auch als ein zweischneidiges Messer. Einerseits ist eine Kommune sehr wichtig und man trifft viele Gleichgesinnte, andererseits besteht die Gefahr zu sehr auf irgendwelches Regelwerk aus zu sein… und wir wollen keine „Metal Polizei“ Jeder soll hören was er mag. Letzten Endes haben wir einfach guten Geschmack! ;-)

10) Butter bei die Fische: Legenden werden auf der Bühne gemacht. Wann präsentiert Ihr das Album auf einer Rundreise?

Elli Berlin: Die Bühne ist unser Leben und unser Schlachtfeld und da zieht es uns ab Mai auch wieder hin! Ich freue mich sehr die neuen Songs zu performen und zu sehen wie das Publikum abgeht. Auftakt wird die Exerzierhalle in Wittenberg am 12.5.2017 und darauf folgt am WGT Wochenende in Leipzig am Freitag den 2.6.17 das Darkflower. Alles Aktuelle gibt’s immer auf unserer Website  www.nullpositiv.com

Ich freue mich das du dir die Zeit für uns genommen hast Diggi und wir hier unsere Meinung vertreten konnten.

Danke für die Zeit, Elli und Oliver!



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