Section: Interviews 34837Autor: Diggi
Datum: 08.01.2017
Bereich: Interviews

Die Band, Rocky 3 und das Wir sind wieder da Album!

Midnight In The Void

DARK MILLENNIUM

Bevor dieses essentielle Comeback Album erschien, gab es diverse Wiederveröffentlichungen, bis zurück in die Demo Tage der Band. Viele Musiker haben zur eigenen Retrospektive ein ziemlich ambivalentes Verhältnis.

H: „Also ich stehe immer noch nach all den Jahren zu dem was wir da als Band gemacht haben. Das meiste kann ich auch alles nachvollziehen. Es gibt einige Sachen, die ich wirklich neu kennenlernen musste. So z.B. als wir Altmaterial für Live Gigs geprobt  haben. Hier musste ich mein jüngeres Ich erstmal wieder an der Gitarre verstehen lernen. Das war generell spannend, die Anzüge wieder überzustreifen, die man vor fast 25 Jahren abgelegt hat. Christian sagte z.B. das ihm das spielen des älteren Materials persönlich unheimlich viel wiedergeben würde. Natürlich sind wir auch heiß darauf, die neuen Sachen zu bringen. Unser Bassist ist studierter Musiker und brachte uns aber auch darauf einige Parts neu zu gestalten. Ich möchte aber betonen, dass wir hier nicht ohne Rücksicht auf Verluste alles „gerade ziehen“ wollen. Das soll den Charakter von damals schon behalten.“

Eure stilistische Offenheit von damals wurde Euch nicht immer als Vorteil gereicht. Auch Eure Experimentierfreude. Ist genau das jetzt der Multiplikator, der springende Punkt. Ihr hättet ein Album veröffentlichen können, welches Bohren und der Club Of Gore Einflüsse hätte, es würde jtzte keinen mehr wundern…

H: „Wir haben Gedanken an die Erwartungserhaltung vieler Fans einfach außen vor gelassen. Gleichzeitig wollten wir aber gerade die Fans der ersten beiden Alben nicht vergrätzen. Es rührt uns schon sehr, dass es immer noch Leute gibt die das immer noch abfeiern.  Denen wollten wir eine Freude machen, aber auch unser Ding durchziehen. Nachdem wir uns damals nach 17 Jahren wieder getroffen hatten, ging es sofort los. Wir haben sofort den jetzigen Opener komponiert.  Klar für uns war folgendes:  Wenn wir uns hier einen aufgießen und merken das bringt nichts, dann löschen wir das alles. Aber wir haben von Anfang an sehr konstruktiv und auch diszipliniert, ohne Suff etc. an neuen Songs gearbeitet. Die Dynamik war sofort wieder da. Wir wollten Analog produzieren und mit neuem Material die Brücke zum alten Material schlagen.  „Midnight In The Void“ sollte unser „Wir sind wieder da“ Album. Es hat einfach nur Spaß gemacht.“

An anderer Stelle habe ich gelesen, dass Ihr selbst neugierig darauf wart, wir Ihr Euch wohl jetzt anhört. Wie klingt denn jetzt ein DARK MILLENNIUM Musiker 2016?

H: „Wie wir für uns Heute klingen? Es steckt von uns allen die Heavy Metal Wurzel ganz tief mit drin. Aber auch neuere Strömungen, wie z.B. Djent oder Michas Funk Einflüsse spielen eine Rolle. All das wird dann zu einem DARK MILLENNIUM Sound anno 2016. Wirkich ambitioniert in einen Stil zu zwängen, das wollen wir nicht. Wir haben ein eigenes Studio, wir machen das nicht aus finanziellen Gründen. Auch das alte Equipment ist noch da und wir benutzen es dann auch.“

In meiner Review habe ich geschrieben, dass mich ein Comeback Album schon sehr lange nicht mehr so gefordert hat wie das Eure. Auf der anderen Seite hast Du gerade erzählt, wie einfach Euch das von der Hand ging. Kannst Du das dann nachvollziehen, das ein Schreiber, der trotzdem  ein alter Fan ist, hier ein dickes Brett zu bohren hatte?

H: „Absolut. Also die Umsetzung, die Produktion war auch für uns sehr aufreibend. Das Schreiben war in der Tat sehr einfach. Hätten wir dieses Album unter Labelbedingungen produziert, dann wäre das schweineteuer geworden. Wir haben bewusst analog, nicht überproduziert, auch das hat Journalisten „gefordert“. Ich kann verstehen, das manche Journalisten auch nicht die nötige Zeit aufgewendet haben, gerade die letzten Stücke sind enorm wichtig.“

Ja, gerade das habe ich auch so empfunden. Die stilistischen Schwenker zum Ende hin lassen das Album spätestens da als ein DARK MILLENNIUM Album in voller Pracht erstrahlen.

H: „Genau! Da nehmen sich Stücke einfach Zeit. Der Luxus, sich einfach mal Zeit zu nehmen. Das gibt es nur noch in der Metal, Prog Rock und Klassik Szene, das sich auch mal die Hörer die Zeit nehmen. Das sich fallen lassen, das sich wiederfinden. Das ist für DARK MILLENNIUM  essentiell.“

Euer Album erinnert mich z.B. an „How To Measure A Planet“ von The Gathering. Nicht von der Stilistik her, aber vom Duktus. Da haben Ende der 90er Jahre 2/3 der Hörer nichts mit anfangen können. Das Problem kennt Ihr ja.

H: „Ja absolut. Ich kann mich noch daran erinnern wie Harry von Morgoth ankam und sagte: „Prügeln ist out! Ab jetzt wird geschleppt.“ Und Er hatte die Lost Paradise unter dem Arm. Wir haben uns alle angeguckt und gefragt was denn jetzt los sei…Oder das erste Type O Negative Album, da konnte auch keiner was mit anfangen. Später entwickelt sich sowas dann in eine ganz andere Richtung. Stilistische Grenzgänger wie wir bewegen sich kommerziell dann eher im Programmkino, anstelle des Multiplex.“

In euren Texten spiegelt sich ein Konzept wieder. Wie es eigentlich immer war. Diesmal spielt das Thema Unterbewusstsein eine Rolle.

H: „Da müsstest Du echt mit Christian besser drüber sprechen. Viele schreiben biographisch, oder das mystische z.B. ist bei uns nicht mehr so das Thema. Mittlerweile geht es um die Psyche.“

Das Album habt Ihr selber produziert und das hört man, weil es sich eben nicht wie die ganze geklonte Fließbandarbeit anhört. Außerdem sehr smart ist, dass Ihr Euch nicht sofort an ein Label gebunden habt.  Wie lange wollt und könnt Ihr so autark weiter machen? Du hast auch viel mit jungen Bands zu tun, ist das nicht dann oft desillusionierend, wenn diese dann an dich als Produzent herantreten und klingen wollen wie Gojira?

H: „Ich frage immer dann, ob die jungen Künstler die Gummibärenvariante hören möchten oder die harte Wahrheit. Die meisten entscheiden sich für die Wahrheit. Das ist oft unbequem. Tatsächlich bin ich beruflich sehr breit aufgestellt, bis auf Schlager und Volksmusik. Viele meiner Kollegen arbeiten in Sparten, das tue ich nicht. Von russischem Djent bis Indie Rock, oder elektronische Musik. Es gibt unter den jungen Musikern natürlich viele, die mit einer lustigen Soundkarte und einem USB Mikro meinen, selbst produzieren zu können. Das ist ein hartes Business, in dem man nie auslernt. Ich begegne oft jungen Leuten, 17 und 18 Jahre alt, so wie wir früher und die haben dass selbe Feuer in den Augen wie wir. Geht nicht gibt’s nicht sag ich dann immer. DARK MILLENNIUM würde ich z.B. nie wie einen Kunden produzieren. Da steht die Band im Mittelpunkt, keine Einzelschicksale. Was die Labels angeht….Wir haben hier und da natürlich aus den alten Tagen viele Kontakte in der Labelszene. Die würden uns auch sicherlich in der ein oder anderen Form unterstützen. Aber da bleiben wir weiter offen. Aber: Uns geht es hier nicht um Kohle. Dann müssten wir irgendein „Manowar Schunkel“ Zeugs machen. Das ist wie bei Rocky 3. Wir fressen jetzt Dreck und wollen uns durchboxen. Die Szene hat sich enorm verändert.“

Was Euch in den Jahren Eurer Abstinenz überhaupt nicht abhanden gekommen ist, ist diese Melancholie, die war damals juvenil, ist jetzt gereift. Bei „Midnight In The Void“ schwingt sogar Pessimismus mit.

H: „Ja, da hast Du völlig recht. Genau das war unser Rahmen, unser Stilmittel. Wir wollten neu aufgreifen, Themen alternieren. Wenn das so weitergeht, dann wollen wir daran auch weiter feilen. Mittlerweile hat uns die Lebenserfahrung vieles geschenkt, die wir natürlich jetzt nutzen.“

Wann stand denn eigentlich Christians´Singstimme? Keiner konnte davon ausgehen, dass Ihr die Grasnarben Vocals wieder rausholt… Habt Ihr darüber diskutiert, kam das einfach so nach dem Random Accident Prinzip, oder habt Ihr die neue Stimmfärbung erarbeitet?

H: „ Wir hatten uns tatsächlich vorgenommen zu experimentieren und Du bist der erste überhaupt, der das anspricht. Ich hatte mir sogar Notizen gemacht, wollte was machen, was im Metal noch nicht gemacht wurde. Wir haben zu Anfang geprobt, Christian war auch ein bisschen krank und wir haben dann einfach so locker gemacht. Irgendwann standen die Aufnahmen an und Christian kam mit einer Arbeitsmappe in das Studio und donnert innerhalb von 4 Stunden das ganze Album ein. Ich hab hinterm Mischpult gesessen und konnte es nicht glauben. Keine Ahnung wie Er sich darauf vorbereitet hat. Nur einmal habe ich Ihm einen Vorschlag gemacht, alles andere war für Ihn klar. Wahnsinn. Das war alles sehr intuitiv.“

Hilton, hast Du persönlich eine Erklärung dafür, warum bei DARK MILLENNIUM nicht die Altersmilde eingekehrt ist?

H: „ Ich hoffe meine Kollegen sind jetzt nicht sauer. Wir haben nicht alle Tassen im Schrank. Das ist in all den Jahren eher schlimmer geworden. Wenn ich Metal spiele, dann fühle ich das. Wenn ich ein wütendes Riff spiele, dann bin ich wütend. Da ist nichts gekünzelt. Bei uns ist das alle Echt.“

 



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