Section: Interviews 34741Autor: Diggi
Datum: 20.12.2016
Bereich: Interviews

Chris Noir und Ralph Schmidt nehmen sich die Zeit unsere Fragen zu beantworten..

Eine Stunde fordernder und gleichzeitig empathischer Black Metal!

ULTHA

2016 scheint ein kreativ gesehen sehr fruchtbares Jahr für Euch gewesen zu sehen. Zumindest ist die musikalische Klasse der EP, Split und nun der LP ein klarer Indikator dafür. Alles im Fluss bei ULTHA? Oder bot sich einfach älteres Material zur Aufarbeitung an, frei nach dem Wein, der reifen sollte?

CN: Es war schon auch ein wenig Zufall im Spiel, dass die drei Releases, die Du ansprichst, innerhalb relativ kurzer Zeit erschienen sind. Aber es stimmt natürlich trotzdem, dass wir 2016 einen hohen Output hatten. Ralph schreibt mehr oder weniger unablässig und wir finden uns i. d. R. einmal pro Woche zu fünft im Proberaum ein, um die Songs dann auszuarbeiten. Ein nicht unwesentlicher Faktor ist außerdem, dass wir alles im Studio unseres Keyboarders Andy (Goblin Sound) aufnehmen können. Das erlaubt uns eben auch, relativ spontan zu reagieren. Dass jetzt recht kurz vor dem Album noch die „Dismal Ruins“ EP und die Split mit Morast erschienen sind, war den Umständen geschuldet: Das EP-Material war eigentlich für eine Split mit Paramnesia gedacht, deren Release verschoben werden musste. Wir wollten aber den Song, der stilistisch mehr zum ersten als zum zweiten Album passt, keinesfalls nach „Converging Sins“ veröffentlichen, daher die Idee mit der EP. Unser und Morast’s Bathory-Cover wurden wiederum für eine Online-Compilation für Cvlt Nation aufgenommen, die sehr viel später erschien als zuerst geplant, woraus die Idee mit der Split 7“ entstand, die dann tatsächlich auch vor der Compilation veröffentlicht wurde. Dass wir mit Vendetta dazu ein Label im Rücken haben, dass selbst abstruse Ideen wie im Jahre 2016 eine Split-7“ mit Coversongs zu veröffentlichen, mitträgt, ist purer Luxus.

 

Der Opener könnte – so konstatierte ich in der Review – auch ‚ULTHA Took You Right Before Their Eyes‘ heißen. Wie schafft man es denn bitteschön 17 Minuten Black Metal was Tiefgang und Intensität angeht nahezu neu zu definieren? Bitte gebt mal Einblicke in die emotionalen Tiefen dieses Monsters. Aus Musiker Sicht und auch Hörer Sicht.

RS: Ich kann da jetzt schlecht objektiv aus Hörersicht rangehen, aber wenn ich den Song höre denke ich immer: „Die 18 Minuten gingen verdammt schnell vorbei“. Das geht uns auch so, wenn wir den Song proben - spricht für mich dafür, dass wir bei dem Stück viel richtig gemacht haben. Ich finde das hypnotisches Element eines Black Metal Songs extrem wichtig. Repetition, Hall und Echo sind musikalische Stilmittel die mir seit jeher gefallen. In ähnlicher Weise treten diese auch bei Emotionen auf. Menschen haben ja ein emotionales Gedächtnis. Eine erste Begegnung mit einem Gefühl wird gespeichert und im Kopf verortet. Es ist wie die erste Begegnung mit einem neuen Song: Er gefällt oder eben nicht. Wie Elemente in einem Song wiederholen sich auch Gefühle. Deren Wiederholung erzeugt Wohlbefinden oder Unbehagen. Dies wiederum landet als Echo in dem wie wir sind, denken, reagieren und handeln. Musik ist für mich daher immer schon eine direkte Parallele zu emotionalem Empfinden gewesen.

Bei „The Night...“ haben wir lange rumprobiert wie oft welcher Part mindestens kommen sollte oder höchstens kommen darf. Ich entwerfe unsere Songs, wie schon bei meiner alten Band Planks zuvor, wie Pop Songs. Ich bin den 80ern aufgewachsen mit Synthiklängen und Radiosingles. Der simpelste Aufbau mit Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain ist unfassbar effektiv. Großartig anders funktioniert „The Night...“ auch nicht, nur eben ausufernd auf fast 20 Minuten. Die Parts wiederholen sich oder zumindest tauchen Akkorde in anderer Anordnung wieder auf. Es ist wie ein roter Faden. Auch hier ist wieder ein Vorteil darin, wenn man sich nicht mit Szene-Scheuklappen selbst einschränkt.

Besonders gelungen empfand ich den Akt an sich, einfach das Album zu veröffentlichen, ohne diesen Daily Soap Charakter denn diese ganze Trailer, Preview, Studiodiary usw Maschinerie mittlerweile verbreitet. Was hat Euch dazu bewogen? Genau gegen bestehende Marketing Konzepte zu steuern (Bravo!) oder um die Intensität des Albums noch mehr zu verstärken?

CN: Tatsächlich spielten beide Aspekte eine Rolle. Wie die Musikindustrie mittlerweile mit neuen Releases umgeht, grenzt an prämortale Leichenfledderei, Du beschreibst das ja ganz gut. Ein Album wird schon ausgeweidet, bevor es überhaupt erhältlich ist, wodurch es als Kunstwerk extrem demontiert wird. Abgesehen davon, dass es mich als Fan wirklich unglaublich nervt. Oftmals höre ich mir neue Releases von Bands die ich schätze vorab auch gar nicht an, sondern warte wirklich bis ich die LP zuhause habe.

Der andere Aspekt ist eben der, dass „Converging Sins“ als Gesamtwerk konzipiert ist, was durch die Vorabveröffentlichung einzelner Teile natürlich ad absurdum geführt worden wäre.

RS: Das Album besteht aus drei Elementen: Die Musik, die Texte und das Artwork. Es steckt ein Konzept hinter den den Texten, hinter der Anordnung der Songs und wie das Artwork die Grundidee wiedergibt. Hätten wir so einen infantilen Move gemacht wie „Hier ist das Cover“ aber kein Song und kein Text dazu, was hätte das gebracht ausser ein paar schneller Likes? War (Black) Metal mal die Idee ANTI zu sein zu dem was angesagt ist, so ist es Dank des Internets doch ganz schön zur Farce und Floskel geworden, wenn jeder Toilettenbesuch des Drummers von einem semiprofessionellen Fotographen (alias „ein Kumpel mit der Spiegelreflexkamera von Daddy“) dokumentiert wird.

‚Mirrors In A Black Room‘ ist entweder schwelgerische Romantik oder hat einen zutiefst philosophischen Ansatz…. Oder verhält es sich völlig anders?

RS: Sicherlich ist da ein gewisser Grad an Pathos drin. Das haben meine Songs und Texte immer. Die Kunst ist es, es nicht kitschig werden zu lassen. Es gibt einige „harte Kerle“ die das Album gut finden, sich aber an Rachels Gesang stören. Soll mir recht sein, denn in meinem Kopf singt Rachel eh nur für mich. Sie hat einfach die tollste Stimme der Welt. Und zu der Frage der Philosophie: Rachel und ich haben den Text ja gemeinsam geschrieben. Wir teilen eine gewisse Sicht auf die Welt und das Leben. Diese ist ganz sicher ziemlich negativ aber auch selbstkritisch geprägt. Dies führt eben zu philosophischen Fragen um die sich unsere Gedanken drehen. Es ist diese Mischung aus Angst, Skepsis und Eskapismus die den Song und den Text trägt.

Rachel Davies sorgt für eine sehr intensive Zwischenwelt artige Atmosphäre. Was sollte ihr Beitrag transportieren? Genau das was wir hören, oder habt Ihr Ihr Freiheit in der Interpretation gelassen?

RS: Ich hatte Rachel Demos des Songs geschickt, später dann die Instrumentalversion des finalen Songs. Ich hatte auch einen Text geschrieben und sie gebeten damit / daran zu arbeiten. Wir tauschten uns über die Hintergründe, den Inhalt und die Metaphorik des „Spiegels im Dunklen“ aus. Sie verstand sofort was ich meinte und machte ihre Version daraus. So ging es hin und her.

Den Gesang selbst hat dann Felix (Sun Worship) mit Rachel alleine in Berlin aufgenommen. Er hatte zuvor die neuste Esben And The Witch Platte aufgenommen. Rachel hatte absolute Narrenfreiheit und lieferte zu 110% genau das was wir erhofft hatten. Es war unfassbar das Resultat zu hören.

Was sind die Hauptzutaten, die es braucht, um eine knappe Stunde so fordernden aber gleichzeitig auch hoch empathischen Black Metal zu kreieren?

CN: Zum einen ist es glaube ich wichtig, sich nicht durch ungeschriebene Szene-Gesetze einschränken zu lassen, sowohl in musikalischer als auch inhaltlicher Hinsicht. Alleine dadurch, dass wir als Black-Metal-Band viele Einflüsse außerhalb von Metal verarbeiten, holen wir glaube ich viele Metal-Fans ein wenig aus ihrer Komfortzone heraus.

Der andere Punkt ist meiner Meinung nach, dass wir Emotionen authentisch transportieren. Ich kann da jetzt nur von mir sprechen, aber außer meinen Emotionen kann ich zur Band nur wenig beitragen. Ich bin kein Musiker, und technisch betrachtet absolut kein guter Sänger, umso mehr versuche ich eben, sowohl im Studio als vor allem auch live hundertprozentig mein Herzblut einzubringen. Wenn man das am Ende auch hört, haben wir als Band was richtig gemacht. Das trifft in dieser Form aber wie gesagt nur auf mich zu.

RS: Ähnlich wie Chris bin auch ich kein hochtalentierter Musiker. Ich bin Autodidakt und habe von jeher von Herzen gespielt. Deswegen ist Live spielen für uns wohl eher ein natürliches Habitat als zB. Studioaufnahmen. Die Texte die ich schreibe sind autobiographisch, wenn auch meist kryptisch. Chris singt bei uns nunmal das Meiste und muss quasi meine Emotionen besingen. Wenn ich Chris nicht so vertrauen würde und ihm zutrauen würde, er könne das nachvollziehen was ich da schreibe - ich würde mich nicht wohlfühlen wenn er das dann tun müsste. Genauso muss er ja auch sagen können, er findet eine Verbindung zu meinen Worten. Evtl. nicht genau das was ich meine, aber soweit das die Aussagen in seinen Augen Sinn machen. Er deutet sie also ähnlich wie ich erhoffe, dass Menschen die sich mit der Musik befassen versuchen die Texte zu deuten. Deswegen ist wohl wirklich Authentizität das Schlagwort.

Wir verarbeiten dazu alle Stilmittel die uns persönlich gefallen und uns passend erscheinen um einen Gewissen Effekt zu erzielen. Da kommt nie die Frage „Oh, was sagt da jetzt wohl die Szene dazu?“. Zusammenfassend würde ich sagen, unser Spielen mit Genretrademarks und dem Abstrahieren der Selbigen durch Stilelemente aus anderen Musikarten, lässt das Resultat doch recht eigen wirken – manche nennen es „untrve", andere empfinden es wie du fordernd oder spannend.

 

Ihr habt mit der FUCK NSBM Sache Standpunkte klar gemacht. (wieder BRAVO!) Warum müssen das Black Metal Bands überhaupt noch tun? Oder anders: Ist diese jahrelange Diskussion überhaupt je eine politische gewesen, oder  fußt nicht vielmehr die Majorität der ideologischen Geisterfahrer auf dem Kulturpessimistischen und Naturromantischen Fundament, auf dem die sog.  Zweite Welle des Black Metal gebaut ist? Wobei der Kulturpessimismus um 1890- bis in die 20er Jahre des 20 Jahrhunderts ja auch durchaus der Dünger für nationalistische und rassische Ideologien war….

CN: Deine These ist schon interessant und ich könnte mir vorstellen, dass sie durchaus auf einige Vertreter aus den 90ern zutrifft; der Schritt von einer naturromatischen Verklärung der Welt zur Blut-und-Boden-Ideologie ist ja relativ schnell getan. Allerdings bezweifle ich stark, dass man die Majorität der Leute, die ernsthaft meinen im Jahr 2016 mit einem Absurd-Patch auf der Lederjacke noch unglaublich subversiv-provokant daherzukommen, so zu verorten sind. Darüber hinaus haben wir zu dem Thema früher schon alles gesagt, was wir zu sagen haben. Wir sind keine Band mit politischer Agenda, auch wenn wir oft als eine solche hingestellt werden. Wenn man aufgrund eines „Statements“ wie „FUCK NSBM“, dass man auf der Bandcamp-Seite stehen hat, von allen Seiten direkt zur antifaschistischen Agit-Rock-Band hochstilisiert wird, zeigt das nur sehr deutlich, wie merkwürdig zersplittert die Szene ist und wie verbissen um Deutungshoheit gerungen wird. Das können andere machen, wir finden es eher ermüdend.

 

Wieviel Lovecraft findet bei ULTHA statt?

CN: Obwohl Ralph und ich große Verehrer des Schaffens von H.P. Lovecraft sind: Abseits unseres Bandnamens, der aus der Kurzgeschichte „The Cats of Ulthar“ entliehen ist, auf den ersten Blick erstmal wenig. Wir behandeln in den Texten keine Begebenheiten oder Wesen aus seinen Werken, sind also keine „Lovecraftian Metal“-Band. Dennoch üben LovecraftsSchriften natürlich eine tiefe Faszination auf uns aus. Dabei sind bspw. die Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz und die daraus resultierende, permanent alles durchdringende Bedrohung, die Lovecraft in vielen seiner Werke behandelt, eine wichtige Inspirationsquelle für die Atmosphäre, die wir mit Ultha erschaffen möchten.

RS: Es ist dieser Gedanke, dass da etwas „großes, altes“ ist, das hinter und über allem steht – eine konstante Bedrohung. In einem eher unbekannten, aber an Lovecraft angelehnten, Werk wird in ähnlicher Weise vom „Alten Feind“ gesprochen. Solche „larger than life“ Bedrohungen faszinieren mich schon immer: Das unbenennbare Böse; das abgrundtief Schlechte; der Schatten vor dem du wegrennen möchtest, aber deine Beine versagen, und das in dir drin. In dieser Art sehe ich mittlerweile das grau gefärbte Schattenparadigma meiner Gefühlswelt und im Prinzip geht es um genau diese Verstellung bei „Converging Sins“. Das Böse in dir sucht bis es findet – negative Emotionen werden immer übermächtig bleiben. Da ist schon sehr viel Lovecraft'sche Denkweise drin.

Seid Ihr nicht insgeheim alle stolz wie Oskar so einen charismatischen und eigenwilligen Sänger zu haben. Alleinstellungsmerkmal hoch 10!

 

RS: „Stolz“ ist ein furchtbarer sinnentleerter Begriff in meiner Welt und total negativ besetzt. Ich bin Lehrer und muss mich täglich mit den Folgen von Erwartungen und Stolz rumschlagen.

Ich würde sagen, nicht nur Chris ist in seiner Art zu singen charismatisch und eigenwillig. Diese Band ist insgesamt ein unglaublich fest verbundenes, kreatives Konglomerat aus eigenwilligen Individuen. Das macht es zum einen manchmal kompliziert in der Zusammenarbeit, dafür aber zeitgleich sehr spannend, fordernd und kreativ. Hätten wir nicht alle im Schnitt 20-25 Jahre Banderfahrung, eine riesiges inneres Archiv an musikalischem Fachwissen (auch außerhalb des Metals) und die Eier in der Hose zu sagen „scheiß drauf, wir machen das jetzt genau so“, wir wären wohl „eine Band unter vielen“. Das soll absolut nicht hochnäsig klingen, so als seien wir total originell. Das sicher nicht. Aber wir spielen schon irgendwie anders als viele Bands die wir kennen. Wir sehen uns sehr nüchtern als kleine DIY Hobbyband die wir sind. Jedoch nehmen wir das wir tun verdammt ernst, investieren sehr viel Zeit und Leidenschaft in die Band und wollen nicht aufhören uns weiterzuentwickeln. Denn wenn man immer das Gleiche tut, dann ist es so als wenn man nichts tut – und wenn man nichts tut ist man tot.



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