Section: Festivals 30472Autor: Amir
Datum: 04.06.2015
Bereich: Festivals
































Großartiger Einstand eines neuen Events...gerne 2016 wieder!!

ROCK IM REVIER 2015

METALLICA, KISS, INCUBUS, JUDAS PRIEST, FAITH NO MORE...

ROCK IM REVIER 2015

Es wurde ja im Vorfeld viel diskutiert und spekuliert, als bekannt wurde, dass es eine "Konkurrenz" geben würde, die es versucht, es mit dem allgegenwärtigen ROCK AM RING-Event aufzunehmen und das auch noch terminlich sehr nah beinander. Aber Vieles war halt Theorie und Phantasie. Daher jetzt mal zu den knallharten Fakten.

Und da mal eins ganz kurz vorne weg:

Gemessen an der Kürze der Vorbereitungszeit und dem Berg an Arbeit, den man koordiniert bekommen muss, um ein Drei-Tage-Festival über die Bühne zu bekommen, haben die Macher von RiR eine tolle Veranstaltung auf die Beine gestellt.

Natürlich sind im Laufe der Veranstaltung Dinge aufgefallen, die man geschickter oder besser hätte lösen können (z.B. die Beschilderung der Zuschauerbereiche im Stadion) - aber hallo: im Großen und Ganzen sind wir doch alle klar gekommen, oder? Und über 43.000 Leute haben das über drei Tage zu schätzen gewusst. Von uns aus jedenfalls das Fazit: nächstes Jahr gerne wieder.

Auf der Hauptbühne wurde das Event von den Metal-Veteranen von EXODUS eröffnet, die die gut angewärmte Meute im Schalker Stadion dann an die Herrschaften von HATEBREED weiterreichten. Auf der zweiten Bühne (die auf einem Parkplatz der VELTINS-Arena positioniert war) gab es auch mehr oder weniger namhafte Vertreter der "harten Zunft". So spielten die Formationen MESHUGGAH, ANATHEMA und GOJIRA. Und die Band mit dem vielleicht längsten Bandnamen: ...AND THEY WILL KNOW AS BY THE TRAIL OF DEAD.

Dazu gab es noch eine dritte Bühne. Die befand sich wiederum Indoor. In der sogenannten Emscher-Lippe-Halle. Dort waren am ersten Festivaltag 8 Bands zu hören (und sehen) und der Abend wurde von den aktuell recht angesagten ESKIMO CALLBOY beschlossen.

Dem üblichen Zinnober mit dem Dayjob an einem Festivalfreitag sind offenbar nicht nur wir einmal mehr zum Opfer gefallen, denn vor der Big Stage im Stadion war es verdächtig leer, als TESTAMENT hinter der mitgebrachten "Legacy"-Deko auftauchten. "Over the Wall" war folgerichtig der Opener von Debut-Album, mit dem Chuck Billy mal kurz die Akustik unter dem geschlossenen Dach antestete. Vom grandiosen Erstling der Band ging es dann 25 Jahre nach vorne. "Rise Up" vom letzten Studioalbum "Dark Roots of Earth" hat nur noch einmal untermauert, warum TESTAMENT regelmäßig als fünfte Band der "Big Four" aufgezählt werden: eigenständig, vielseitig, brutal. Thrash Metal vom Allerfeinsten.

Das etwas ruhigere "Native Blood" war kurz darauf bereits der Übergang in die zweite Hälfte des Sets, welches mit 45 Minuten in meinen Augen sträflich zu kurz bemessen war. Dieser zweite Teil nun stand ganz im Zeichen von "The New Order", dem 1988er Album, das TESTAMENT als Thrash-Größe etablierte. Das Titelstück, "Into the Pit" Und "Desciples of the Watch" waren der Hattrick, der die hartgesottenen Fans vor dem ersten Wellenbrecher augenscheinlich begeistern konnte. Ein toller Auftakt für den Festival-Freitag.

Nicht nur der stilistische Kontrast zu WITHIN TEMPTATION war anschließend etwas irritierend. Zum Opener "Paradise" wurden zu Sharons Vocals die Parts von Tarja über die Videoleinwände eingespielt. Wenn man dann nur Sharon auf der Bühne sah, die sich mit dem Mikro bewegte, hatte es den Anschein, als sänge sie Playback, weil Tarjas Stimmlage ganz ähnlich ist. Ich habe zwei weitere Songs gebraucht, bis ich das kapiert habe - kann aber auch an mir liegen...

Der Schwerpunkt des einstündigen Sets ("Warum habt ihr nicht mit TESTAMENT getauscht???" möchte man rufen...) war eindeutig auf das aktuelle Album "Hydra" und den Vorgänger "The Unforgiving" gelegt. Umso erfreulicher, dass im letzten Drittel des Auftritts auch einige frühe Stücke aus mittlerweile 18 Jahren Bandgeschichte zum Zuge kamen, wobei "Mother Earth" ein ausgewogenes Set abrundete.

FAITH NO MORE...wie lange hatten wir die Truppe nicht mehr live-haftig gesehen. Es wird so vor etwa 18 Jahren gewesen sein...im Stahlwerk in Düsseldorf...auf meinem Geburtstag. Umso größer war die Vorfreude, denn damals war das schon ein feiner Gig...jetzt also die Reunion nach längerer Pause.

Was dann kam, war erst etwas enttäuschend. Zur Verwirrung vieler (die die Band vielleicht nicht kannten) gab Sänger Mike Patton bekannt "Wir sind SANTIANO". "Ganz in weiß mit einem Blumen..." das konnte das Motto des Auftritts sein, denn die gesamte Bühne, wie auch die Band war komplett in weiß "gekleidet" und es standen unzählige Blumen herum. Drummer Mike "Puffy" Bordin (der in der Zwischenzeit während der FNM-Pause u.a. mit Ozzy Osbourne absolvierte) hatte es hinter seinem Schlagzeug (das war schwarz, was in dem farblichen Umfeld komisch anmutete) noch voll drauf, auch wenn er mit 52 Lenzen mittlerweile deutlich ergraut ist. FATIH NO MORE eröffneten das 14 Tracks starke Set mit dem strange bis "crazy" herüberkommenden "Motherfucker" und auch der nächste Song reihte sich ein.

Es dauerte eine Weile, bis man sich daran gewöhnte. Aber spätestens als man "Epic", "Midlife crisis" oder den Hit "Easy" (ein äußerst erfolgreiches Cover) spielte, war die Menge erobert.  In Erwartung des heutigen Headliners füllte sich die Arena zusehends (sicherlich bedingt durch viele Tagesticketinhaber). Fazit: man ist in die Jahre gekommen, kann aber immer noch ordentliche Arbeit abliefern (das zeigt auch ein Hören des neuen Albums). Eine Festivalband scheinen FAITH NO MORE eher nicht zu sein, die beiden Hallenkonzerte, die ich erleben durfte, haben mir besser gefallen.

Die Herren von METALLICA dürften ganz schön Probleme mit dem Biorhythmus bekommen haben. Denn wann war man wohl zuletzt vor 21:00Uhr Ortszeit berufen, auf die Bühne zu gehen? Eben! Nur zur Sicherheit hatten die Kalifornier sich aber Verstärkung auf die Bühne geholt: in der Tradition der verrückten Verlosungen des Fanclubs gab es 50 x 2 Stehplätze in der Backline hinter der Band zu vergeben. Inklusive dem Meet&Greet am Nachmittag einmal mehr eine wertige Idee für die Fans.

Nach dem bekannten Morricone-Intro stand James Hetfield zunächst bedröppelt am Mikro und meinte mit leiser Stimme: "Folks, it's sad news to announce..." und jeder dachte: Oje, Lars Ulrich ist beim Nasebohren der Finger gebrochen und jetzt fällt der Auftritt ins Wasser!!! Aber nein: Kurze, wichtige Kunstpause und dann das geshoutete Intro "Gimme fuel, gimme fire..." zu "Fuel" und ab ging die Luzie. Satt über zwei Stunden wühlten sich METALLICA anschließend durch mehr als 30 Jahre Bandgeschichte und dabei fiel eines deutlich auf: abgesehen vom erwähnten Opener war von der "Load"/"Reload"-Phase der Band vor 20 Jahren nur noch Platz für zwei weitere Songs ("King Nothing" und wenig später "Unforgiven II") und auch das noch immer aktuelle Album "Death Magnetic" kam nur in Gestalt von "Cyanide" zum Zuge. METALLICA scheinen sich auf die ersten zehn triumphalen Jahre bis einschließlich des "schwarzen" Albums konzentrieren zu wollen. Und die Spielfreude, die der Vierer dabei an den Tag legt, ist für jeden Zuschauer ein Fest.

Highlights in dem Set für mich ganz klar die drei Kracher von "Master of Puppets", wobei "Disposable Heroes" dabei in Punkto Aggressivität noch den Vogel abgeschossen hat. Desweiteren der "klassische" Triple-Thrash-Treat zum Ende des Sets aus "Fade to Black", "Seek & Destroy" und "Crrrrrrreeeeeping Death" (wenn auch leider vor "Creeping" durch die Zugabenpause unterbrochen...).

                        Setlist:

Intro The Ecstasy of Gold

(Ennio Morricone song)

Fuel

For Whom the Bell Tolls

Metal Militia

King Nothing

Disposable Heroes

(Mit anschließendem Gitarrensolo von Kirk Hammett)

The Unforgiven II

Cyanide

Lords of Summer

Sad But True

(Mit nachfolgendem Bass-Solo von RobertTrujillo)

The Frayed Ends of Sanity

One

Master of Puppets

Damage, Inc.

(Danach ein weiteres Solo von Kirk Hammett)

Fade to Black

Seek & Destroy

Zugaben:

Creeping Death

Nothing Else Matters

Enter Sandman

(Mit einem 'The Frayed Ends of Sanity' Outro-Jam)

So endete also der erste Tag des Premieren-Events mit einem ersten Kracher und man durfte gespannt sein, wie es am Folgetag weitergeht. Dieser stand nämlich musikalisch unter einem weit weniger heftigen Stern. Dort sollten uns namhafte aber deutlich weniger harte Acts wie INCUBUS und MUSE erfreuen...dazu später mehr.

Am Festivalsamstag wurde das Programm mit Bands wie ARCANE ROOTS und MONEY FOR ROPE eröffnet und ehrlich gesagt habe ich noch nie von denen gehört. Aber das macht ja nichts, denn erstens spricht das für eine gute Mischung an großen und kleinen Bands und verschiedene Stilmixe. Zum anderen ist das ja auch immer ein Aspekt bei einem Festivalbesuch: neue Bands entdecken und unverbindlich was Neues antesten. Und nicht selten folgt dem dann später ein Albumkauf oder der Erwerb eines Tickets für die nächste Tour der entsprechenden Band...

Am Nachmittag wurde es dann britisch. Die Gothic-Metaller von der Insel haben in diesen Tagen ein neues Album am Start und während ihres Sets auf der Open Air Stage spielten PARADISE LOST dann auch zwei Stücke ("Victim of the past" und "Terminal") davon. Daneben gab´s von den ganz in schwarz gekleideten Engländern noch u.a. "Hallowed land" vom "Draconian times"-Album. Sänger Nick Holmes lieferte gewohnt humorvolle und teils vom Akzent her schwer verständliche Ansagen. Der Himmel war weiter schwer bewölkt, aber wenn dann die Sonne teils hindurchlinste, wurde es spürbar wärmer.

Zwischendurch gab´s technische Probleme, so dass man einen Song noch einmal von Beginn an starten musste. Das nahmen PARADISE LOST mit gelassener Routine und Humor. Dank des  frühen Konzertendes am Abend vorher war der Platz vor der mittleren Bühne mit ein paar Tausend Leuten trotz der nachmittäglichen Uhrzeit schon gut besucht. Auch wenn der Boden noch etwas feucht war.

Was dann folgte war sehr befremdlich!! In Asien sind sie wohl angesagt ohne Ende und jetzt versuchte man wohl, auch Europa von seinem Konzept zu überzeugen. BABY METAL...Puuh! Das war echt gewöhnungsbedürftig. Nach einem entfernt an Star Wars angelehnten Intro auf der Leinwand traten zunächst ganz in weiß gekleidete und geschminkte Musiker auf die Bühne, bevor 3 klein gewachsene Asiatinnen in einem etwas an eine "Schuluniform" erinnernden Outfit ins Rampenlicht traten.

Musikalisch gab´s teils harten Metal, wenig aufregend  und nicht besonders einfallsreich gemacht. Dazu Gesang mit einer feinen und jugendlichen Stimme, kombiniert mit choreographischen Bewegungsattacken der 3 Ladies. Auch wenn man wirklich tolerant und offen an die Sache herangeht, bleibt nur das Urteil: Absolut verzichtbar. Das braucht kein Mensch.

Teilweise parallel zu diesem Auftritt begaben sich in der kleinen Halle 3 Herren auf die Bühne, die sich TRUCKFIGHTERS nennen. Vor leider nur wenigen Hundert Zuschauern, die sich in die abgelegene Location verirrt hatten, gab die Combo einen Gig voller Power und Spielfreude ab. Das schwedische Trio wurde vom Schlagzeugspiel von Axel Larsson angetrieben, Gitarrist Niklas Källgren hüpfte mit einem Instrument und nacktem Oberkörper auf der kleinen Bühne herum, wie ein schwerer ADHS-Fall und auch der Bassist und Sänger der TRUCKFIGHTERS strotze vor Energie. Mehr Publikum hätte die Performance auf jeden Fall verdient gehabt.

Im riesigen Fußballstadion war es heute - bei dem deutlich weniger harten Programm - auch viel leerer und mittlerweile spielten THE HIVES ihr Set, nachdem zuvor u.a. ORCHID und TRIGGERFINGER aufgetreten waren. Die 5 Musiker waren eher schick gekleidet und können auf jeden Fall als spielfreudig bezeichnet werden. Sänger Per Almqvist hatte die Fans (immerhin waren die Bereiche vor der Hauptbühne zwischen Wellenbrecher 1 und 2 sowie 2 und 3 fast komplett ausgefüllt) voll im Griff. Sie sollten sich hinsetzen, leise sein, verrückt aufdrehen...und folgten seinen Worten jedes Mal in Massen.

Es herrschte gute Stimmung und auch sein Bruder Niklas an der Gitarre und die weiteren 3 Bandmitglieder des schwedischen Fünfers überzeugten mit ihrem Auftritt. Aber herausragend blieb der Frontmann, der vorne auf den Boxen stand und sogar auf die vordere Publikumsabsperrung ging und den Kontakt zu den Fans suchte. Einziges Manko: aufgrund der nicht so gefüllten Arena und vor allem wegen der leeren Ränge im hinteren Teil litt der Sound und es gab bei manchen Ansagen ziemlichen Hall. Als nächstes kam die Band, auf die ich am meisten gespannt war (neben dem Auftritt von FAITH NO MORE)...INCUBUS. Die gaben nämlich meine persönliche Live-Premiere. Das die Formation bereits seit knapp 25 am Start ist und mich mit unzähligen Songs auf CD begeistert hat, ist die eine Sache. Jetzt galt es aber die Festivaltauglichkeit zu beweisen.

Überraschenderweise gab es einen recht geringen Zuschauerzuspruch als bei gutem Wetter mitten im Set das Stadiondach langsam geöffnet wurde und der - heute mal strahlend blaue - Himmel zum Vorschein kam.

Die Performance von INCUBUS umfasste 14 Songs, wobei man irgendwie erst langsam Fahrt aufnahm, um dann aber spätestens mit den durchschlagenden Tracks "Nice to know you" und "Pardon me" die Fans zu begeistern. Bei "Drive" meinte der Frontmann, dieses Lied habe er schon mal im WC einer deutschen Bar gehört...das sei echt gut zum Pinkeln! Ansonsten lieferte er sich immer wieder einen Wettstreit mit Drummer Jose Pasillas, indem er auf Bongos und einer Trommel spielte. Der akustische Auftritt wurde von animierten Projektionen im Bühnenhintergrund begleitet, die das Ganze optisch ergänzten. Insgesamt hat´s mir gefallen, aber ich könnte mir vorstellen, in einer kleineren Halle oder gar einem "Club-Gig" kommen diese Tracks besser zur Geltung.

Auf der Außenbühne sollten dann LIMP BIZKIT den Abend beschließen. Gut drauf und spielfreudig bewältigten die Herren um Frontmann Fred Durst das Set. Dieser war mit Vollbart und der schwarz-weißen Cap (statt der früher traditionellen roten NY-Version) kaum wiederzuerkennen.

Neben den eigenen Tracks wie den Gassenhauern "Take a look around" und "My generation" performte man auch den George Michael-Song "Faith" und spielte auch Stücke von METALLICA und NIRVANA an. Die Meute auf dem prall gefüllten Areal vor der Boom Stage ging gut mit und das veranlasste gegen Ende des Auftritts den "schräg" maskierten Gitarristen zum Sprung in die Menge mitsamt seinem Instrument. Das sind immer so Momente, wo die Security ins Schwitzen gerät, um den Künstler wieder heil zurück zu bekommen, aber die Fans ließen Wes Borland in ordentlichem Zustand.

Die dritte Bühne hörte auf den Namen "Bang Stage" und stand - wie erwähnt - in der Mehrzweckhalle, etwas abgelegen auf dem Stadiongelände. Dort spielten in den Abendstunden noch Bands wie ORANGE GOBLIN, SAINT VITUS und KVELERTAK.

Für Leute der nicht so heftigen Musik sollte dann der Headliner des zweiten Festivaltages noch einmal für ein amtliches Highlight sorgen. MUSE, die britische Alternative Formation, die auch schon ihre gut 20 Jahre musiziert sollte die Big Stage und damit den Abend beschließen. Der Vierer von der Insel ließ aber erst einmal auf sich warten und der Gig fing knapp 20 Minuten verspätet an, was die Stimmung der Fans von Vorfreude in Ungeduld umschlagen ließ. Aber dann folgte eine von einer ansprechenden Licht-Show auf einer eher spartanischen Bühne begleitete Performance, die dem Publikum gefiel.

Bereits beim zweiten Song "New born" setzte sich Sänger Matthey Bellamy an den silbernen Flügel und sorgte für gute Stimmung.

Insgesamt umfasste das Set mit seinen 17 Songs eine Spielzeit von etwa 2 Stunden und sollte die Fans zufrieden gestellt haben. Ich habe jedenfalls keine Klagen vernommen...so endete der musikalisch etwas seichtere Tag (zwischen den beiden eher harten) mit zufriedenen Gesichtern. Hoffentlich sollte es am Folgetag mit Acts wie JUDAS PRIEST und KISS wieder etwas voller im weiten Rund des Gelsenkirchener Stadions werden...für besseren Sound und noch mehr Stimmung.

Der Sonntag bei ROCK IM REVIER begann mit einem düsteren und wolkenverhangenen Himmel. Dieser sollte auch immer wieder über den Tag mehr oder weniger seine Schleusen öffnen und die Fans vor der Boom Stage (und auf den Wegen zwischen den Bühnen) teils ziemlich nass werden lassen.

Wer sich in der Szene auskennt, der kommt anno 2015 nicht an BEYOND THE BLACK vorbei. Die Mannheimer Formation ist ein echter Newcomer und bringt frischen Wind in so ein Festivalprogramm neben all den Bands, die schon ihre 20 und mehr Jahre im Business unterwegs sind. Der Sechser mit der charismatischen Frontfrau Jennifer Haben konnte die bei recht angenehmen Temperaturen und teils leichtem Nieselregen mit ihrem Set überzeugen.  Leider spielte man nur 8 Songs (inklusive des MOTÖRHEAD-Covers "Love me forever"), aber schon die Single "In the shadows" als Opener kam gut beim Publikum an.

Weitere Bands, die später noch die Boom Stage enterten waren u.a. die niederländischen Symphonic Metaller von EPICA mit der Sängerin Simone Simons und als Rausschmeißer am Abend das Quartett AIRBOURNE aus Australien.

Auf der Big Stage feuerten HELLYEAH um den Ex-PANTERA-Drummer Vinnie Paul ihre heavy Songs in die Menge innerhalb der VELTINS-Arena. Das Ganze am Nachmittag ab 15:00 Uhr und als Warm up für die folgende deutsche Formation.

Das Billing auf der Hauptbühne am Sonntag beinhaltet für mich ein gehöriges Deja vu. Genau wie bei meinem allerersten Metal-Konzert stehen ACCEPT und JUDAS PRIEST auf der gleichen Bühne. Und heute sieht unsere Tochter die Metal Gods zum ersten Mal. The circle closes.

Im Jahr fünf nach der erneuten Wiedergeburt von ACCEPT mit dem ehemaligen TT QUICK-Sänger Mark Tornillo ist der heutige Auftritt mein Live-Debut mit der Band in der jetzigen Form. Die Studioaufnahmen fand ich auf den drei seither veröffentlichten Scheiben ganz amtlich, obwohl der Vergleich mit Udo Dierkschneider immer im Hintergrund mitläuft. Aber das ist das Schicksal  jedes Musikers, der einer Ikone nachfolgen muss. Ende der 1980er Jahre ist die Auswahl des Nachfolge-Sängers bei ACCEPT schon einmal in die Hose gegangen: während damals David Reece auf dem "Eat the Heat"-Album gut punkten konnte, war er live mit den Evergreens der Band haushoch überfordert und ACCEPT gingen erstmal komplett in den Ruhestand.

Heute abend auf Schalke beginnt ACCEPT mit der Pflicht einer Band bei Festival-Auftritten: mit "Stampede" wird zunächst das aktuelle Album promotet. Anschließend schnell noch "Stalingrad" vom gleichnamigen Vorgänger in die Menge geballert und dann kommt der fette Basslauf von "London Leatherboys" und damit für mich der Moment der Wahrheit für den drahtigen Mann aus New Jersey. Mark Tornillo kommt nicht auf die dumme Idee, Udo zu kopieren. Einige Phrasierungen sind zwar ähnlich und ein bißchen Reibeisen hat er auch in der Stimme. Aber insgesamt ist er melodischer unterwegs und in punkto Stageacting ist er eher ein Freund von Brian Johnson von AC/DC. "Restless and Wild" sowie "Princess of the Dawn" lassen anschließend die alten Zeiten wieder aufleben und besonders Wolf Hoffmann steht ein breites Grinsen im Gesicht beim Anblick des sich füllenden Platzes vor dem ersten Wellenbrecher. Der Mitsingchorus am Ende von "Princess" dürfte das noch einmal verstärkt haben. Mit "Pandemic" und "Teutonic Terror" bedienen ACCEPT im zweiten Teil des Sets auch noch das Comebackalbum, aber die Begeisterung nicht nur bei mir kommt eindeutig hoch bei "Fast as a Shark" (inklusive Grammophon-Intro...), "Metal Heart" und dem Rausschmeisser "Balls to the Walls".

Mein Fazit nach einer Stunde ist, dass ACCEPT einen Glücksgriff getan haben, als sie mit Mark Tornillo einen neuen Sänger verpflichtet haben. Den Vergleich mit Udo D. braucht er in keinem Moment zu scheuen. Auch Christopher Williams am Schlagzeug weiß, wie man einer Band den nötigen Drive verschafft. Insgesamt ist das Erbe der Band unter Wolf Hoffmanns wachsamen Augen in mehr als guten Händen.

Amir und ich kennen FIVE FINGER DEATH PUNCH seit dem "Rock am Ring" anno 2010, wo sie damals die kleine Bühne in der Mercedes-Kurve auf links gedreht haben. Fünf Jahre und drei (!!!) Studioalben später stehen sie beim "Rock im Revier" als drittletzte Band auf der Hauptbühne und gehen mit ihrer Lieblingsband JUDAS PRIEST auf Europa-Tournee. Läuft bei euch...

Warum es läuft, wird von den ersten Takten des Openers "Under and Over it" an klar: die fünf Wüstensöhne aus Nevada spielen ihre Musik nicht nur, sie leben sie. Ivan Moody fährt die Maschine namens 5FDP im vierten Gang an und weiß eine tighte und 100% eingespielte Band hinter sich. Für Kenner der Band wird es nach knapp 20 Minuten spannend: der Radiohit "Lift me Up" wird angespielt. Die Bandhymne ist für die Jungs ein wahr gewordener Traum, denn der Metal God Rob Halford höchstselbst hat das Stück als Duett eingesungen. Und weil "zufällig" beide Gesangsvirtuosen vor Ort sind, könnte es doch sein,.... - aber nein, leider nicht. Nicht heute jedenfalls. Schade.

Zu "Burn Motherfucker" holt sich Ivan einige Fans aus der ersten Reihe auf die Bühne, um das LMAA-Statement gemeinsam abzufeiern. Dabei stellt er nochmals klar, dass es die Fans sind, die es ermöglichen, dass 5FDP das tun können, was sie am liebsten tun: Musik machen und auf der Bühne stehen. Wer Ivan kennt, weiß, dass das von Herzen ehrlich gemeint ist. Mit Blick auf JUDAS PRIEST und besonders KISS verspricht er, dass man nicht auf "cool, premium shit equipment" setzt, um die Leute zu unterhalten. Den Beweis hat der Fünfer eindrucksvoll angetreten.

Nach einer Stunde beendet "Here to Die" das reguläre Set. Die jetzt gut gefüllte Halle bringt die Band jedoch für zwei Klassiker ("Remember Everything" und "The Bleeding") zurück auf die Bühne. Insgesamt 70 Minuten beste, harte und treibende Unterhaltung. Im Stillen hatte ich gehofft, es gäbe eine Kostprobe vom neuen Album namens "Got Your Six", das im August in den Regalen stehen wird.

Als PRIEST-Fan habe ich natürlich im Vorfeld des Auftrittes auf dem "Rock im Revier" geschaut, wie die Tour bislang so gelaufen ist. Nach einer Behandlung seiner Rückenprobleme Anfang 2014 erlebte Rob Halford dem Vernehmen nach einen dritten Frühling. Die Berichte von der gerade beendeten US-Tour klangen vielversprechend bis begeistert und einige Augen- und Ohrenzeugen, die ich persönlich kenne, haben eine tolle Show in Aussicht gestellt.

Kenner wissen das Intro zu "War Pigs" von BLACK SABBATH richtig zu deuten: the PRIEST is back!!! Passend zum glücklicherweise wieder ganz passablen "Redeemer of Souls"-Album steht "Dragonaut" als Opener auf dem Programm. Eine gut losbolzende typische Nummer der britischen Metalveteranen und deshalb eine ideale Visitenkarte für eine Kaufempfehlung an das jetzt noch einmal zahlreicher erschienene Publikum.

Hatte Halford gerade noch den seit einigen Jahren für ihn typischen Gehstock bei der Hand, bleibt dieser zu Beginn des nächsten Songs "Metal Gods" hinter den Kulissen. Zielstrebig ist der Metal God himself auf der Bühne unterwegs und auch der typische Robotwalk während des Solos ist ein Zeichen für die wiedergewonnene Agilität. War der Rücken bislang die Achillesferse eines der nach wie vor besten Metalsänger der Welt so hat er jetzt wieder die Möglichkeit, sich voll auf die Stimme und die Performance zu konzentrieren. Das kommt spätestens bei dem lange nicht gehörten "Devil's Child" zum Tragen. Besonders in der Schlußstrophe zeigt Halford zum ersten Mal, welche Power er noch immer hat: jeder hohe Ton sitzt wie eine Eins. Nicht nur ich bin angesichts der Auswahl des Songs und der Qualität des Gesangs begeistert. The PRIEST is back, indeed!!!

Die selbstgesetzte Latte bleibt hoch angesichts von "Victim of Changes", dem "Bohemian Rhapsody" des Heavy Metals. Auch hier bleibt sich Halford - getragen von der tollen Gitarrenarbeit der Herren Tipton und Faulkner - nichts schuldig. Neu eingebaut in das Stück ist der zweistimmige Refrain mit Glenn Tipton, eine neue Facette des fast 40 Jahre alten Standards im Repertoire der Band.

Das zweite Drittel des Sets beginnt etwas verhaltener mit der Midtempo-Nummer "Halls of Valhalla", bei der Drummer Scott Travis im Mittelpunkt steht. Dann sind es bei "Turbo Lover" einmal mehr die Gitarren, die das Geschehen auf der Bühne prägen, ebenso wie bei "Redeemer of Souls". Erst "Jawbreaker" stellt wieder eine Herausforderung für Frontmann Halford dar, der sich weitgehend ohne Hall im Mikro durch den Song arbeitet. Einmal mehr eine positive Erinnerung an frühere Zeiten.

Obligatorisch ist dann "Breaking the Law", der Song, in den das Publikum traditionell mehr als an anderer Stelle eingebunden ist. Auch hier sitzen die Screams wie in Marmor gemeißelt und ich frage mich, was das absehbare Ende des Sets noch bringen kann. Die Antwort gibt das tiefe Grollen eines Harley-Motors, der "Hellbent for Leather" ankündigt. Diese Showelement gehört zu PRIEST wie die Unbeweglichkeit von Ian Hill auf der Bühne. Aber Halfords eindeutiges Lack-und-Leder-Outfit und die Reitgerte in der linken Hand sagen mir als altem Knochen ALLES: THE F-U-C-K-I-N-G PRIIIIEST IS BACK!!! Immer wieder muss der Stahlbock Schläge einstecken. Das Image steht wie seit der "Painkiller"-Tour anno 1991 nicht mehr.

Mensch und Maschine haben sich unter jubelnden "Priest, Priest, PRIEST!!!"-Rufen einen kurzen Abgang verdient, aber nur, um zu "The Hellion/Electric Eye" den Zugabenteil einzuläuten. Halford in imperatorischer Pose mit twin guitars vom Feinsten - eine große Show. Absolut zwingend folgt dann "Painkiller" und zum ersten mal seit der Reunion 2004 WEISS ich, dass es klappen wird. Travis und Halford peitschen sich gegenseitig zum finalen Drum-/Vocal-Stakkato und der geneigte Redakteur ist endgültig im siebten Metal-Himmel.

Mit "Living After Midnight" wischt die Band abschließend nur noch die Reste feucht nach. Mehr Metal geht nicht. ROCK HARD - RIDE FREE. The PRIEST has NEVER been gone!!!

Die Headliner des Wochenendes gehen leicht verspätet und sehr laut an den Start. Ich habe nach erst zwei vorhergehenden KISS-Konzerten keine echte Vergleichsmöglichkeit, aber ich glaube insbesondere beim mir bekannten zweiten Song "Deuce", dass die Band altersbedingt jetzt doch langsam an ihre Grenzen stößt. Das betrifft insbesondere die Stimme von Paul Stanley, die doch ordentlich hochgemischt werden muss. Das Gesamtkunstwerk KISS legt den Schwerpunkt leider zunehmend auf "Kunst" im Sinne von "künstlich", was sehr schade ist. Amir und ich entscheiden uns daher bereits früh, das Set nicht bis zuende zu verfolgen und verschwinden während der Feuerspucker-Einlage von Gene Simmons zu "War Machine".

Unser Fazit lautet: für die Fans unverzichtbar, für neugierige Erstbesucher nur bedingt empfehlenswert.

                               Good Times Bad Times

(Led Zeppelin-Cover)

Detroit Rock City

Deuce

Psycho Circus

Creatures of the Night

I Love It Loud

War Machine

Do You Love Me

Hell or Hallelujah

Calling Dr. Love

Lick It Up

Bass Solo Gene Simmons mit Spezial-Effekten

God of Thunder

Parasite

Love Gun

Black Diamond

                        Zugaben:

Shout It Out Loud

I Was Made for Lovin' You

Rock and Roll All Nite

God Gave Rock 'n' Roll to You

Das Programm der kleinen Hallenbühne stand heute ziemlich im Fokus des Hardcore. Bands wie ANTI-FLAG und IGNITE gaben sich hier ebenso die Ehre wie die Urgesteine der Szene von SICK OF IT ALL, die schon knapp 30 Jahre die Szene mitbestimmen. Insgesamt erstaunlich, dass trotz der Größe der Veranstaltung nur eine Band ihren Auftritt absagen musste...DR. LIVING DEAD!...ansonsten konnte das gesamte Festival mit teils nur geringen Verspätungen recht termingerecht über die Bühne gehen. Dafür auch mal ein Lob an alle Verantwortlichen.

Dann ging das Festival nach seinem 2015er Einstand in der Szene zu Ende. Fast 5000 Menschen (Security, Helfer, Organisation etc.) waren an der Durchführung beteiligt, fast 100.000 Liter Bier rannen durch durstige Kehlen und auch das Camping wurde (trotz der recht großen Entfernung wie mir Betroffene mitteilten) mit ca. 4000 Personen recht gut angenommen. Es hat halt manche Vorteile, ein komplett asphaltiertes bzw. gepflastertes Gelände zu haben, aber dafür hat die "innerstädtische Lage" manchen Nachteil (z.B. Platz für´s Zelten). Erfreulich: es gab (zumindest zu den Zeiten, die wir überblicken können) keinen besonderen Anreisestau. Das ist bei anderen Großevents ja schon mal ein Ärgernis.

Fazit: ein mehr als gelungenes Debüt. Musikalisch wie auch organisatorisch auf hohem Niveau und wenn man die Routine in manchen Abläufen erlangt, wie sie andere Veranstaltungen schon seit einigen Jahren besitzt, sollten auch kleine Haken bald beseitigt sein. Allen, die nicht dabei waren sei gesagt, ihr habt etwas verpasst. Und die Besucher vor Ort werden wahrscheinlich wie wir sagen: wir wären auch gerne 2016 mit am Start!!

Zuletzt: falls ihr euch wundert, dass von einigen (großen) Bands wie METALLICA, JUDAS PRIEST und Co. Keine Fotos vorhanden sind, so liegt das nicht an uns, sondern daran, dass die jeweilige Band - respektive das Management - entscheidet, welches Medium den Auftritt fotografieren darf. Und da fehlte uns an einigen Stellen halt leider genau diese Erlaubnis. Schade. Bei den Bands, wo wir ran durften, haben wir aber Alles gegeben, um euch cool Live-Bilder zu liefern...

 

(Bericht von Dirk Limberg & Amir Djawadi - Fotos von Amir Djawadi)



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