Section: Festivals 25012Autor: Amir
Datum: 20.08.2013
Bereich: Festivals


























Wenn Dänen und Schotten rocken, bleibt bei Tenacious D. kein Auge trocken

Gelsenkirchen, 18.08.2013 - ROCK IM POTT 2013

SYSTEM OF A DOWN, VOLBEAT and more

Rollen wir das Spielfeld des Schalker Fußballstadions für ROCK IM POTT 2013 aber schön artig von vorne auf.

Das Line Up klang vielversprechend und international: Schottland bot mit BIFFY CLYRO das derzeit angesagteste Rock-Trio Nr. 1. Dänemark lieferte mit VOLBEAT  erfolgreichen „Elvisrock“ der Mainstream-Extraklasse. Aus den Vereinigten Staaten gab´s die amerikanischen Klamauk-Barden von Tenacious D um Hollywood-Schauspieler Jack Black zu sehen. Als Exot musste ein Quoten-Deutscher mit der Fachrichtung Rap/HipHop herhalten: CASPER. Für Schwermut waren die Mitbegründer des Nu Metal - die DEFTONES aus Sacramento/USA - zuständig. Last but not least sollten vier US-Amerikaner mit armenischen Wurzeln als Headliner die Party-Meute endgültig zum Kochen bringen: die Jungs der Alternative-Metal-Legende SYSTEM OF A DOWN!

Soweit, so prima.

Allerdings hatte der Veranstalter Marek Lieberberg die Rechnung ohne die Fans gemacht. Sommerferien hin oder her, es gab seit Juni scheinbar einfach zu viele Open Airs, auf denen das potentielle Publikum bereits viel gutes Geld gelassen hatte. So wollte oder konnte sich nicht ein Jedermann weitere 90 € für das Tagesticket leisten. Zumal sich Marek Lieberberg mit dem am selben Wochenende stattfindenden „Rock´n Heim“-Festival am Hockenheimring noch eine eigene Konkurrenz gemacht hatte.

Die spät entschlossenen Besucher kamen zwar in den Genuss von Rabatt-Aktionen (1 Ticket zahlen, 2 bekommen), was die endgültige Vorverkaufszahl von 27.500 Tickets erträglicher machte. Für die langfristig planenden Fans jedoch, die sich bereits kurz nach dem Vorverkaufs-Start mit Tickets zum Original-Preis eingedeckt hatten, war dieser Zustand eher unerträglich und führte daher zu einigem Unmut.

Soweit das zahlenmäßige Vorgeplänkel.

Inhaltlich klang das Line Up - im Gegensatz zum Vorjahr - wesentlich harmonischer. Mit einer Ausnahme: CASPER. Bevor dieser jedoch den selbigen machte (siehe Bild), hieß es erst mal: Doors Open um 12.00h, die erste Band um Punkt 14.00h: Schottlands Rockexport-Schlager Nr.1: das Trio BIFFY CLYRO.

Und die drei Mannen rockten auch vom ersten Ton an die Arena, als gäbe es keinen Morgen mehr. Bis zum Anschlag aufgedreht dröhnten Bass und E-Gitarre aus den Boxen und Drummer Ben Johnston verhaute seine Felle. Zum Entzücken der zahlreichen Damen im Publikum präsentierten dazu Sänger und Gitarrist Simon Neil sowie Bassist James Johnston wie gewöhnlich ihre mit zahlreichen Tattoos verzierten Oberkörper und rotzten ihre Hits wie „Black Chandelier“ oder „Mountains“ herunter.

Ein super Auftritt, allerdings mit 45 Minuten klar zu kurz. Auch da muss sich der Veranstalter fragen, ob die Reihenfolge der Band-Auftritte weise gewählt war oder man besser CASPER oder die DEFTONES anstatt BIFFY CLYRO als Anheizer hätte beginnen lassen.

Die DEFTONES aus Kalifornien waren nach angenehm kurzer Umbaupause um 15.10 Uhr am Start und durften sich ebenfalls 45 Minuten austoben.

Passenderweise hatte Bassist Sergio Vega zu den schwermütigen Klängen des Quintetts seine Wind- und Wetterjacke direkt auf der Bühne angelassen und die meiste Zeit die Kapuze auf (siehe Foto). Vielleicht wusste er aber auch, dass das Arena-Dach ausgerechnet an der Stelle über der Treppe, die vom Innenraum vor der Bühne rechts hoch zu den Imbiss- und Sanitärständen führte, Löcher aufwies und man dort erstens nass wurde und zweitens Rutschgefahr bestand.

Aber das nur am Rande. 

Die DEFTONES um Sänger Camillo „Chino“ Wong Moreno präsentierten viele Hits ihrer in den letzten Jahren in Deutschland erfolgreich in den Albumcharts platzierten CD´s „White Pony“ (2000 – Platz 11), „Deftones“ (2003 – Platz 8), „Saturday Night Wrist (2006 – Platz 24), „Diamond Eyes (2010 – Platz 8) sowie „Koi No Yokan“ (2012).

Insgesamt sprang der Funke jedoch auf das Publikum, das so langsam den Innenraum gut gefüllt hatte, auch bei den DEFTONES noch nicht so richtig über.

Ändern sollte sich dies jedoch schlagartig beim Auftritt von CASPER.

Dieser nämlich durfte 60 Minuten das weite Rund rappen und wirbelte auf der Bühne herum wie ein Kaninchen auf Speed. Dies animierte zum Einen das Publikum zum Mitklatschen und zaghaftem Antanzen zur besten Kaffeezeit, zum Anderen waren nun alle hellwach.

Direkt als 2. Song haute CASPER – immerhin geschmückt mit zwei 1Live-Kronen, einer goldenen Schallplatte sowie einem Echo - seinen wohl bekanntesten Hit „Auf und davon“ raus. Das war schon mutig.

Etwas übermütig war Herr Benjamin Griffey, so CASPERS bürgerlicher Name, jedoch mit seinen wiederholt ein wenig despektierlich anmutenden Äußerungen über Rockmusik im Allgemeinen.

Der Mann aus dem ostwestfälischen Bösingfeld (Gemeinde Extertal) klopfte Sprüche wie  „Macht´s euch auch keinen Spaß hier so wie mir?“ bzw. „Wer ist wegen Rap-Musik gekommen?“. Für jemanden aus dem „Hinterland“ (so auch der Titel des am 27.09.2013 erscheinenden neuen Albums) mögen solche Sätze wohlmöglich urkomisch und humoristisch sein.

In Teilen des Publikums führten derartige Statements jedoch zu einigen Pfiffen und der Erkenntnis, das „Mittelfinger hoch“ nicht nur eine Single-Auskopplung von CASPER sein muss.

So richtig in Stimmung kam das Publikum von ROCK IM POTT 2013, als punktgenau um 17.50h zu mittelalterlichen Glockenklängen eine Handvoll Mönche in entsprechenden Roben die Bühne betraten.

So richtig in Stimmung? Der Innenraum drehte plötzlich komplett durch!  Laute „Tenacious D, Tenacious D“-Rufe hallten durchs Stadion, sobald die beiden US-Schauspieler Jack Black und Kyle Gass die Mützen abnahmen und die ersten Töne zu „The Metal“ auf ihren Akustik-Klampfen anstimmten.

Als Reporter konnte man ab da nur staunen, wie textsicher die Meute auf Schalke die poetischen Kalauersongs á la „Fuck Her Gently“ mitsingen konnte.

Und weil ein aufgeblasener Riesen-Pe…likan (ähem) als Bühnen-Deko der Klamauk-Rocker allein nicht ausreicht, um konstant 75 Minuten Stadion-Party-Rock zu zelebrieren, hatten TENACIOUS C noch eine außergewöhnlich gute Hintergrundband mit auf der Bühne dabei.

Allein der E-Gitarrist – der  optisch glatt als Double des jungen Duisburger Gitarrenbarden Peter Bursch hätte durchgehen können – zeigte des Öfteren sein Können auf eine Art und Weise, dass ihn vermutlich von der Bühne weg gerne jede zweite Heavy-Kapelle verpflichtet hätte.

Jack Black und Kyle Gass waren somit ein erstes echtes Highlight des Tages.

Und es sollte so weitergehen bzw. sich sogar noch steigern.

Denn es folgte „Elvisrock“ made in Denmark. So heißt nämlich die selbst kreierte Musikrichtung der vier Kopenhagener, deren Bandname bekanntlich VOLBEAT ist.

Wobei „Elvis-Metal“ es eher treffen würde. VOLLBEAT zelebrieren eine ganz eigene Mischung aus Heavy Metal, Punkrock, Rock´n Roll der 50´er, Country, Blues und Rockabilly. Und paaren dies optisch mit der Tolle des tätowierten Kunstwerks und Sängers Michael Poulsen. Dem einen oder anderen mögen vor allem Alben wie „Beyond Hell / Above Heaven“ mit Hits wie „Fallen“ oder „Heaven Nor Hell“ zu sehr radiotauglicher Mainstream-Rock zu sein.

Dem zahlenden Publikum gefiel genau diese Art von Live-Musik aber sichtlich. Zudem der Sound sowohl im Innenraum als auch auf den Seitentribünen nunmehr 1 A war.

Zwischen ihren zahlreichen Hits waren sich VOLLBEAT sehr zu Freude der Zuschauer nicht zu schade, kurze Passagen von Rammstein- oder Slayer-Songs zu covern.

Dann wieder folgten Auskopplungen des aktuellen Studioalbums „Outlow Gentlemen & Shady Ladies“. Das Wilder-Westen-Bühnenbild war hierzu ebenso bestens abgestimmt wie auch der Sheriff-Stern bei Sänger Michael Poulsen.

Was uns von heavy-metal.de hier noch zum vollendeten Glücksgefühl fehlte, waren  fröhliche „Cry for the Indians“ Rufe wie einst bei Anthrax.

Schließlich lag Musik von Anthrax in der Luft und im Bereich des Möglichen. Denn Ex-Anthrax-Gitarrist Rob Caggiano hatte besagte aktuelle CD nicht nur mit produziert. Nein, er war sogar im Februar 2013 spontan als zweiter Gitarrist bei VOLBEAT eingestiegen und stand somit mit auf der Bühne. Voilá: Zunge raus für Rob (siehe Foto).

So schwungvoll und sympathisch wie auf den Fotos rockten VOLBEAT sich dann noch souverän bis zum letzten Ton durch den Abend. Immer wieder animierten sie hierbei die Fans zum Mit-Klatschen. Oder ließen starke Jungs unter den Fans ihre Mädels huckepack tragen. Insgesamt ein echt fettes, melodisches Soundgewitter, was Lust auf Mehr machte. Lust auf den Headliner von ROCK IM POTT. Lust auf SYSTEM OF A DOWN.

Die letzte Umbaupause eines langen Festival-Tages nutzen wiederum viele nette Menschen für die Nahrungs- und Getränkezufuhr bzw. deren Entsorgung. Es war schön süß, diese gemischten Mädel-Jungs-Schlangen vor den Herrentoiletten zu sehen. Denn die starken Damen hatten sich einfach über die klassische Geschlechtertrennung hinweg gesetzt. Rock´n Roll vor´m Herrenklo!

Oder anders genannt: „Disorder“. Schließlich wollen wir ja auf Biegen und Brechen eine Überleitung zum Gig von „SoaD“ – so die Kurzform von SYSTEM OF A DOWN - finden. Was wir hiermit bravurös geschafft haben dürften, oder?

Zu guter Letzt also die kalifornischen Alternative-Metaller. Düster dunkel ist es vor der Front of Stage, als gegen 21.40 Uhr – und somit sogar ein paar Minuten früher als angekündigt - die Show von SYSTEM OF A DOWN beginnen kann.

Jubel brandet auf, denn Sänger Serj Tankian, Gitarrist Daron Malakian, Bassist Shavarsh Odadjian und Drummer John Dlomayan betreten die Bühne.

Und haben ab dem 1. Song das Publikum voll im Griff. Von den Tribünen schön anzusehen, ergibt sich die Meute dem Pogo und dreht sich wie verrückt in den vom Sänger mehrfach geforderten „Circles“, während SYSTEM OF A DOWN ihren wundersamen Mix aus Nu Metal, Trash, Psychedelic, Hardcore und armenischer Folklore abliefern.

Das Party-Volk tanzt sich in Trance, auf den Tribünen hält es keinen mehr auf den Sitzen. „Sugar“ singt jeder mit und Sänger Tankian grinst erfreut. Die über fünfjährige Live-Abstinenz aufgrund der Bandpause zwischen 2006 bis 2011 hat dem Bekanntheitsgrad von SoaD keinen Abbruch getan.

Dieser Mix aus aggressivem Gesang, dieser Wechsel aus laut und leise, schnell und langsam ist grandios. Die Light-Show kommt in der dunklen Halle nunmehr ebenfalls voll zum Tragen und wenn es heller wird, sieht man den Innenraum klatschen, tanzen, sich schuppsen und gegenseitig wieder beim Aufstehen helfen. Das Beste kommt wirklich zum Schluss!

Und - um ganz ehrlich zu sein – ist die Stimmung insgesamt über den Tag verteilt sogar noch einen Ticken ausgelassener als beim ROCK IM POTT 2012.

Gut, im letzten Jahr sang ebenfalls der gesamte Innenraum sowie das Tribünenpublikum artig den Refrain bei „Californication“ der Peppers mit. Aber damals enttäuschten The BossHoss und Jan Delay doch etwas bzw. fielen stilistisch ein wenig mehr aus dem Ruder als es in diesem Jahr CASPER tat. Wer sich über das Vorjahres-Event noch einmal informieren und vergleichen möchte: Bitteschön, natürlich hier bei uns zum Nachlesen unter: www.heavy-metal.de/?id=21662!

Zurück zu ROCK IM POTT 2013! Beim Headliner SYSTEM OF A DOWN scheint nahezu jeder Besucher endgültig hypnotisiert und beseelt vom Tag zu sein. Von „Lonely Day“ kann nun wirklich keine Rede sein.

Daher von uns abschließend der Bericht zur Lage der Nation: ROCK IM POTT 2013 hat sich musikalisch gesteigert und erfüllt für ein 1-Tages-Festival höchste Fan-Ansprüche.

Wenn in 2014 ein wenig die diesjährigen Preisvorgaben (Tickets 90 €, Brezel 3 €, Bier 5 €) herunter geschraubt werden könnten und der Veranstalter die Kollision mit einem Festival am selben Wochenende im Süden der Republik vermeiden würde, wären auch wieder Zuschauerzahlen von um die 40.000 Fans denkbar, erreichbar und wünschenswert. Ein Line Up wie an diesem 18. August 2013 noch dazu packen und Deckel drauf. Auf den Pott. Auf ROCK IM POTT 2014!

Von unserer Seite auf alle Fälle: beide Daumen hoch für dieses Festival im Herzen des Ruhrgebiets – und hoffentlich bis nächstes Jahr!

 

(Text und Fotos: Ralfi Ralf)



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